StartNewsProdukteAus Sägemehl wird ein Brandschutzmaterial

Aus Sägemehl wird ein Brandschutzmaterial

Was heute meist im Ofen landet, könnte morgen Häuser schützen. Forschende der ETH Zürich und der Empa haben einen Weg gefunden, Sägemehl mit einem Mineralbinder zu einem schwer entflammbaren, robusten Material zu pressen. Dieses ist sogar kreislauffähig.

In Kürze

  • Forschende haben aus Sägemehl und einem Mineral ein Material geschaf­fen, das feu­er­fest ist und im Innenausbau ein­ge­setzt wer­den kann.
  • Erste Schätzungen zei­gen, dass das Material die glei­che Brandschutzklasse errei­chen könn­te, wie her­kömm­li­che zement­ge­bun­de­ne Spanplatten.
  • Die Bestandteile des Kompositmaterials las­sen sich im Gegensatz zu ande­ren feu­er­fes­ten Baumaterialien wie­der­ver­wen­den.

Bei jedem Baumstamm, der zuge­sägt wird, ent­steht Sägemehl. Jährlich fal­len welt­weit Millionen von Tonnen davon an, die meis­tens ver­brannt wer­den. Dabei gelangt das im Holz gespei­cher­te Kohlendioxid wie­der in die Atmosphäre – was aus Klimaschutzgründen bes­ser ver­mie­den wür­de. Ein Forschungsteam in der Professur für holz­ba­sier­te Materialien an der ETH Zürich und der Empa hat nun ein Verfahren ent­wi­ckelt, mit dem Sägemehl zu einem umwelt­scho­nen­den und rezy­klier­ba­ren Komposit ver­ar­bei­tet wer­den kann. Dadurch kann das Sägemehl län­ger im Materialkreislauf gehal­ten wer­den. Die Forschenden nut­zen dafür das Mineral Struvit, ein kris­tal­li­nes, farb­lo­ses Ammoniummagnesiumphosphat.

Dass Struvit inter­es­san­te Eigenschaften für den Brandschutz besitzt, war bereits bekannt. Jedoch war es auf­grund sei­nes Kristallisationsverhaltens schwie­rig, das Mineral mit Sägemehl-Partikeln zu ver­bin­den. Die Forschenden nut­zen nun ein Enzym, das sie aus den Kernen von Wassermelonen gewin­nen, um die Kristallisation des Struvits in einer wäss­ri­gen Suspension mit Sägemehl zu kon­trol­lie­ren. Dadurch ent­ste­hen gros­se Kristalle, wel­che die Hohlräume zwi­schen den Sägemehlpartikeln aus­fül­len und die Partikel fest mit­ein­an­der ver­bin­den. Das für zwei Tage ver­press­te Material wird anschlies­send aus der Form genom­men und bei Raumtemperatur getrock­net.

Dafür legen die Forscher die Hand ans Feuer: Das neue Material ist ein her­vor­ra­gen­der Brandschutz. (Bild: Dan Vivas Glaser / aus Kürsteiner R et al. Chem Circularity 2026, CC BY 4.0)

Holzelemente, die sich selbst schützen

«Das Material ist gegen­über Druck sta­bi­ler als das ursprüng­li­che Fichtenholz senk­recht zum Verlauf der Holzfasern», erzählt Ronny Kürsteiner, der das Verfahren im Rahmen sei­ner Doktorarbeit unter der Leitung von Ingo Bungert, Professor für holz­ba­sier­te Materialien, ent­wi­ckelt hat. Es eig­ne sich auf­grund sei­ner mecha­ni­schen Eigenschaften und hohen Feuerfestigkeit vor allem für den Innenausbau. Denn Struvit ist nicht nur nicht brenn­bar, son­dern trägt aktiv zur Erhöhung der Feuerfestigkeit bei. Unter Hitze zer­setzt sich das Mineral, dabei wer­den Wasserdampf und Ammoniak frei­ge­setzt. Dies ist ein Vorgang, der Wärme aus der Umgebung auf­nimmt und dadurch küh­lend wirkt. Zudem ver­drän­gen die frei­ge­setz­ten, nicht brenn­ba­ren Gase die Luft, die so dem Feuer zur wei­te­ren Ausbreitung fehlt, sodass das Material schnel­ler ver­kohlt.

Das ETH-Team hat mit Forschenden am Polytechnikum Turin zusam­men­ge­ar­bei­tet, die das Material in einem soge­nann­ten Kegelkalorimeter getes­tet haben. Dabei han­delt es sich um ein stan­dar­di­sier­tes Prüfverfahren, wel­ches das Verhalten bei exter­ner Hitzeeinstrahlung nach­bil­det. Während unbe­han­del­tes Fichtenholz bereits nach etwa 15 Sekunden Feuer fängt, dau­ert es beim Struvit-Sägemehl-Komposit mehr als drei­mal so lang. Hat es ein­mal Feuer gefan­gen, bil­det sich schnell eine Schutzschicht aus anor­ga­ni­schem Material und Kohlenstoff, die das Material vor einer wei­te­ren Ausbreitung des Feuers schützt. «Die Struvit-Sägemehl-Platten schüt­zen sich also qua­si von selbst», so Kürsteiner.

Erste Schätzungen hät­ten gezeigt, dass das Material die glei­che Brandschutzklasse errei­chen könn­te wie her­kömm­li­che zement­ge­bun­de­ne Spanplatten. Dies müs­se jedoch noch mit grös­se­ren Flammschutzexperimenten bestä­tigt wer­den. Solche Spanplatten sind heu­te im Innenausbau für Flammschutzanwendungen weit ver­brei­tet. Sie bestehen aus 60 bis 70 Gewichtsprozent Zement, sind ent­spre­chend schwer und haben auf­grund des hohen Energieverbrauchs bei der Zementherstellung eine schlech­te Klimabilanz. Die Struvit-Sägemehl-Platten bestehen dage­gen nur zu 40 Prozent aus Bindemittel und sind deut­lich leich­ter.

Einfacher Recyclingprozess

Das neu­ar­ti­ge Komposit hat gegen­über ande­ren Komposit-Baumaterialien noch einen wei­te­ren gewich­ti­gen Vorteil: Zementgebundene Spanplatten lan­den nach einem Abbruch meist auf der Sondermüll-Deponie. Die Struvit-Sägemehl-Platten kön­nen hin­ge­gen wie­der in ihre Einzelkomponenten zer­legt wer­den. Dafür wird das Material in einer Mühle mecha­nisch auf­ge­bro­chen und auf etwas über 100 Grad Celsius erhitzt, wobei das Ammoniak frei­ge­setzt wird und das Sägemehl abge­siebt wer­den kann. Anschliessend wird der mine­ra­li­sche Ausgangsstoff für Struvit, das soge­nann­te Newberyit, wie­der als Feststoff aus­ge­fällt.

Newberyit kann anschlies­send erneut mit Sägemehl zu Kompositen ver­ar­bei­tet wer­den. Somit könn­te das neue Material einst einen wich­ti­gen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leis­ten. Es kann zudem als natür­li­cher Dünger ein­ge­setzt wer­den. Das ist für die Landwirtschaft inter­es­sant, weil es den gebun­de­nen Phosphor, den Pflanzen fürs Wachstum benö­ti­gen, lang­sam und kon­trol­liert abgibt.

In einem nächs­ten Schritt wol­len die Forschenden den Produktionsprozess wei­ter opti­mie­ren und ska­lie­ren. Ob sich das Material in der Baubranche durch­set­zen wird, hän­ge vor allem von den Kosten des Bindemittels ab, sagt Kürsteiner. Im Vergleich zu Polymer-Bindemitteln oder Zement ist Struvit ver­hält­nis­mäs­sig teu­er. Das könn­te sich jedoch durch das Erschliessen eines wei­te­ren Kreislaufs ändern: Struvit fällt näm­lich in grös­se­ren Mengen in Kläranlagen an und ver­stopft dort die Abwasserrohre. «Diese Ablagerungen könn­ten wir als Ausgangsmaterial für unse­ren Baustoff ver­wen­den», so Kürsteiner.


Literaturhinweis
Kürsteiner R, Vivas Glaser D, Ritter M, Parrilli A, Garemark J, Maddalena L, Schnider T, Dreimol CH, Carosio F, Burgert I, Panzarasa G: Enzyme-media­ted con­so­li­da­ti­on of ligno­cel­lu­lo­sic mate­ri­als with a fla­me-retar­dant and ful­ly recy­clable mine­ral bin­der. Chem Circularity 2026, 100004. DOI: 10.1016/j.checir.2025.100004

RELATED ARTICLES
Anzeigespot_img

Beliebteste