Das Webinar zeigte deutlich auf: Die technische Standardisierung des digitalen Produktpasses (DPP) macht grosse Fortschritte. Das zuständige technische Komitee CEN-CLC/JTC 24 hat die ersten sechs Standards unter dem Titel «Digital Product Passport – Framework and System» verabschiedet. Diese sind essenziell, um die europäische Gesetzgebung technisch umzusetzen. Ein zentraler Aspekt dabei ist laut den Experten, dass die Standards «produktagnostisch», also vollkommen branchenübergreifend anwendbar sind.
Dezentrale Datenhaltung: Die Hoheit bleibt beim Unternehmen
Eine der grössten Sorgen vieler Firmen konnte im Webinar entkräftet werden. Wie die Experten am Beispiel der bereits regulierten Batterie-Industrie darlegten, funktioniert die DPP-Architektur dezentral.
Die EU betreibt lediglich ein zentrales Register, in dem mindestens vier verschiedene eindeutige Identifikatoren (Unique Identifiers) pro Produkt gespeichert werden. Die eigentlichen und teils sensiblen Produktdaten verbleiben hingegen komplett auf der Seite der Wirtschaftsakteure (Economic Operators), also bei den Herstellern und Importeuren.
In der Praxis müssen Hersteller auf Basis standardisierter Vorgaben einen eindeutigen Identifikator generieren, der dann über einen Datenträger physisch an das Produkt angebracht wird. Besonderen Wert legen die Normungsexperten auf Interoperabilität, wobei der Standard 1822 als Kernkomponente («Core») für die Kommunikation über das Internet hervorgehoben wurde. Wichtig: Bestehende Identifikationssysteme sollen nicht ersetzt, sondern über dieses gemeinsame Rahmenwerk in den DPP integriert werden.
Cybersicherheit im Fokus: Schutz vor Spoofing und Datenlecks
Ein eigener Block des Webinars befasste sich intensiv mit den realen Cyber-Risiken. Die Experten betonten, dass die konsensbasierten Standards zwingend angewendet werden müssen, um das DPP-Ökosystem sicher aufzubauen. Die Architektur berücksichtigt gezielt Bedrohungsszenarien wie Identitätsbetrug, Spoofing, «Man-in-the-Middle»-Angriffe sowie Transport-Layer-Attacken. Das erklärte Ziel der Standards ist es, sowohl Kundendaten und Geschäftsgeheimnisse (Confidential Data) der Wirtschaftsakteure als auch die Infrastruktur vor Ausfällen und Lecks zu schützen.
Zeitpläne: Von Batterien bis Spielzeug im Jahr 2030
Bezüglich des Zeitplans unterstrichen die Referenten, dass der DPP Schritt für Schritt für nahezu alle Produkte auf dem europäischen Binnenmarkt zur Pflicht werden soll. Das System gewinnt rasant an Popularität in der Gesetzgebung. Während Batterien als Vorreiter fungieren, wird das System auf weitere Industriezweige ausgeweitet. Als konkretes Beispiel für den ehrgeizigen Fahrplan wurde im Webinar die Spielzeugsicherheit genannt: Diese sieht vor, dass bis zum Jahr 2030 sogar die offizielle Konformitätserklärung (Declaration of Conformity) fest in den digitalen Produktpass integriert werden muss – und dazwischen viele Bauprodukte.
Die Schweiz unter massivem Druck: Exportmarkt und heimische Bauherrschaft
Auch wenn keine spezifischen Länder ausserhalb der EU im Webinar als Case Study präsentiert wurden, richtete sich die Veranstaltung gemäss der offiziellen Ausschreibung explizit an die «Nicht-EU-Industrie, die Produkte auf den europäischen Binnenmarkt bringt». Für Schweizer Hersteller von Bauprodukten, die in den EU-Raum exportieren, ist die Sachlage damit klar: Sie müssen exakt dieselben Serverstrukturen vorhalten und Interoperabilitätsstandards erfüllen wie die Konkurrenz innerhalb der EU.
Doch der Druck kommt längst nicht mehr nur aus Brüssel. Wer den DPP als reines Export-Thema abtut, verkennt die Dynamik im Schweizer Inlandsmarkt. Die EU-Standards etablieren soeben die neue Leitwährung der Baubranche: strukturierte, verlässliche und maschinenlesbare Produktdaten.
Genau von dieser Datenqualität wollen die Schweizer Bauherrschaften – allen voran die grossen institutionellen Investoren, Immobilienentwickler und die öffentliche Hand – zwingend profitieren. Ob für ESG-Reportings, die Berechnung der grauen Energie, zirkuläres Bauen, Lebenszyklusanalysen oder den effizienten Gebäude-Betrieb mittels BIM: Die grossen Auftraggeber fordern zunehmend transparente und nahtlos integrierbare digitale Daten zu allen verbauten Materialien.
Das bedeutet konkret: Wer als Schweizer Hersteller oder Zulieferer diese strukturierten Daten künftig nicht gemäss den neuen Vorgaben auf Knopfdruck liefern kann, verliert nicht nur seinen Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Er droht auch bei hiesigen Submissionsverfahren und Ausschreibungen schlichtweg als Lieferant auszuscheiden. Die frühzeitige Implementierung strukturierter Daten in das eigene Produktdaten-Management (z.B. PIM) ist damit keine IT-Spielerei mehr – sie wird zur zwingenden Überlebensfrage und zur Eintrittskarte für künftige Bauprojekte.


