StartNewsDigitalisierungDas digitale Fundament für Führungsleute – Wider die digitale Machtlosigkeit

Das digitale Fundament für Führungsleute – Wider die digitale Machtlosigkeit

Ist man der Digitalisierung als Führungsperson machtlos ausgeliefert und ist fehlendes Wissen dazu uneinholbar verloren, wie oft - bewusst oder unbewusst - suggeriert wird? Diese Auffassung würde für Spätberufene und insbesondere für Führungsleute das Befassen mit digitalen Themen unmöglich machen. Leider fehlen für das zielgerichtete, aber trotzdem intensive Befassen, passende Hilfsmittel, die kompakt und stufengerecht die wichtigsten Konzepte der Digitalisierung zielgenau und anwendungsbereit darstellen. Die heute startende vierteilige Serie soll mit kompakten Erklärungen und Hinweisen einen kleinen Beitrag für eine erfolgreiche digitale Umsetzung in Unternehmungen leisten.

Das Delegieren von Tätigkeiten inklu­si­ve Bereitstellung der dafür not­wen­di­gen Ressourcen stellt eine der wich­tigs­ten Führungsaufgaben in einem arbeits­tei­li­gen System dar, also auch in Unternehmungen. Bei der Digitalisierung gesellt sich der Computer als ein­sei­tig begab­ter Mitarbeitender zum Team, der ande­re Fähigkeiten und dif­fe­ren­zier­te­re Einsatzwünsche hat als die mensch­li­chen. Der Computer blüht mit mög­lichst vie­len gleich­ar­ti­gen Arbeitsschritten auf, er voll­zieht die­se immer in glei­cher Art und Weise, ohne zu ermü­den und qua­si mit unend­lich viel Geduld. Damit wirkt die­ser Mitarbeitende weni­ger fle­xi­bel mit als die mensch­li­chen und wenn in sei­nem Arbeitsprofil Mängel vor­han­den sind, kön­nen die­se zu gros­sen Schäden füh­ren. Im umge­kehr­ten Falle greift eine gros­se Hebelwirkung, mit klei­nem Input kann ein gros­ser posi­ti­ver Effekt erzielt wer­den, sei es für die Unternehmung als Ganzes aber auch für das unmit­tel­ba­re Umfeld des dele­gie­ren­den Stelleninhabers. Die dabei ein­ge­spar­te Zeit könn­te für Überlegungen Richtung Zukunft und Strategie inves­tiert wer­den.

Analogie: Der neue Mitarbeitende, der Computer

Nur, bis der Mitarbeitende mit Namen „Computer“ zum Einsatz kom­men kann, sind eini­ge Vorarbeiten not­wen­dig. Und in die­sem Sinne ist jede Digitalisierungsaufgabe eine Investition in die Zukunft und nicht wesent­lich anders, als wenn eine Stelle für einen mensch­li­chen Mitarbeitenden defi­niert, geschaf­fen und besetzt wird. Wer nur auf kurz­fris­ti­ge Gewinne aus ist, ver­zich­tet des­we­gen am bes­ten dar­auf. Sind aber län­ger­fris­ti­ge Ziele vor­han­den, dann lohnt sich der Aufwand, denn der digi­ta­le Mitarbeitende führt über die Zeit zu Grenzkosten von null, was heisst, dass zusätz­li­cher Output ab einem bestimm­ten Punkt kei­ne Kosten mehr ver­ur­sacht.

Ohne Initial-Aufwand geht es nicht und es braucht viel Erfahrungswissen zu den Geschäftsprozessen. Dieses ist für eine geziel­te Umsetzung um Grössenordnungen wich­ti­ger als jenes zur Digitalisierung. Es geht in ers­ter Linie dar­um, die Herausforderungen auf der Schnittstelle zum Digitalen, also in die daten­mäs­si­ge Verdoppelung der Welt und der Rückübersetzung der Resultate in die rea­le Welt zu erken­nen und unter­neh­mens­ge­recht umzu­set­zen.

Die Vorarbeiten laufen in der realen Welt

Das Austesten von Lösungsvorschlägen wie auch das Entscheiden bezüg­lich Vorgehensweise, digi­ta­lem Bezugssystem und Modell muss von der rea­len Welt aus erfol­gen und kann sich nicht am digi­ta­len Dickicht ori­en­tie­ren. Ein kla­res Motiv, also ein aktu­el­ler und die Unternehmensziele unter­stüt­zen­der Beweggrund, erweist sich als der Erfolgsfaktor für die Umsetzung zum Digitalem. Mit ande­ren Worten, der Ansporn zur Digitalisierung soll aus dem Geschäftsverständnis fol­gen und nicht Selbstzweck sein. Der end­gül­ti­ge Entscheid, was wie und war­um digi­ta­li­siert wird, kann von den Führungskräften nicht dele­giert wer­den. Und man kommt nicht dar­um her­um, sich mit der Materie zu beschäf­ti­gen, in der Regel in recht ver­tief­ter Form. Nur so kön­nen die rich­ti­gen Fragen zum rich­ti­gen Zeitpunkt gestellt wer­den.

Nicht alle auf­tau­chen­den Defizite an Grundlagen und alle mög­li­chen im Verlauf des Projekts auf­tre­ten­de Mängel sind am Anfang bekannt. Damit ist eine kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­ten­si­ve und alle not­wen­di­gen Aspekte aus­tes­ten­de Arbeitsweise der Beteiligten ein abso­lu­tes Muss. Welche Vorgehensmethoden schluss­end­lich zum Zuge kom­men, ist fall­wei­se zu ent­schei­den. Auftretende Unklarheiten müs­sen rasch besei­tigt wer­den und falls ange­bracht, sind Priorisierungen not­wen­dig. Das ist ver­gleich­bar mit einem Trainee-Programm, wo ste­tig punk­tu­ell nach­ge­rich­tet wird, wenn Wissensdefizite auf­tau­chen. Nur wenn mit einer zeit­na­hen Reaktion wei­te­re Unterstützungsmassnahmen ein­ge­lei­tet wer­den, machen Aufbauprogramme Sinn. Das Warten bis am Schluss der Einführungszeit ist nicht ziel­füh­rend. Leider sind beim Digitalen, das wegen der Entstofflichung der Welt zu Daten ohne Übung oft schwer vor­stell­bar ist, die Potentiale, also die im Inneren schlum­mern­den Möglichkeiten, erst rich­tig sicht­bar, wenn man sich mit den vor­han­den aber eben auch mit den mög­li­cher­wei­se zu erhe­ben­den, also zur Zeit nicht-vor­han­de­nen, Daten und ihrem Zusammenspiel mit bekann­ten und unbe­kann­ten Prozessen beschäf­tigt. In die­sem Sinne wird jede Führungskraft in Zukunft auch eine Forschungsperson sein, denn unbe­kann­te Gewässer sind bei der Entwicklung von wirk­lich Neuem übli­cher als Bekannte. Und man wird nicht dar­um her­um­kom­men, auf wis­sen­schaft­li­chen, das heisst auf geord­ne­te und gesi­cher­ten, Kenntnissen auf­zu­bau­en. Fehlen die­se, so sind sie nach­zu­lie­fern.

Mit Delegation Mehraufwand schaffen? Nein!

In die­sem Sinne muss jede digi­ta­le Anwendung auf einen für die Unternehmung und ihre Stakeholder fass­ba­ren Zweck basie­ren. Verschiedene Stellen haben damit Schwierigkeiten. Das zei­gen nicht nur vie­le geschei­ter­te Projekte son­dern auch die Tatsache, dass man von smar­ten Anwendungen spricht, also von geschick­ten, schlan­ken und schlau­en. Ich hal­te das für eine Tautologie, also einen Sachverhalt, der sich dop­pelt wie­der­gibt. Übertragen auf den mensch­li­chen Mitarbeitenden, dele­giert man kaum Arbeiten oder stellt gar zusätz­li­chen Mitarbeiter ein, wenn damit die Sache kom­pli­zier­ter wird, ins­be­son­de­re auch die eige­ne Führungsarbeit. Vermutlich ist das ein kaum zu eli­mi­nie­ren­des Relikt aus der Zeit wo die Welt in den Computer kam, der Zeitepoche zwi­schen 1950 und heu­te, der David Gugerli, Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich, sein gleich­na­mi­ges Buch gewid­met hat.

Das Wissen der Digitalisierungsexperte über das Nicht-Wissen bezüg­lich Digitalisierung bei den Führungskräften hat zur Folge, dass Projekte heu­te unpas­send ange­gan­gen wer­den, denn man will nicht aus Unwissen in einen Teufelskreis gera­ten. Man kommt nicht dar­um her­um, den Dingen wirk­lich auf den Grund zu gehen, denn kon­kre­te Zeitpläne und Kostenanalysen sind erst mög­lich, wenn die Eckpunkte klar sind, z.B. die Beschreibung der dafür not­wen­di­gen Daten und Prozesse. Welches die mäch­tigs­ten Instrumente der Digitalisierung sind und wie sich das auf die Führungsarbeit kon­kret aus­wirkt, wird Thema der drei fol­gen­den Artikel sein.

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Das digi­ta­le Fundament für Führungsleute
1 Wider die digi­ta­le Machtlosigkeit (buil­dup-Magazin 2/2021)
Die Macht der Rekursion und die Rolle der Mathematik (3÷2021)
Parameter und Komponenten als Umsetzungsbeschleuniger (4÷2021)
4 Der Weg zum wirk­sa­men Lebenszyklus von digi­ta­len Lösungen (1÷2022)

Literatur

  • Baecker Dirk: 4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt, Merve Verlag, Leipzig 2018
  • Foerster, von, Heinz: Wissen und Gewissen, Versuch einer Brücke, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1993 (2016)
  • Gugerli David: Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digi­ta­ler Wirklichkeit, S. Fischer Verlag, 2018
  • Malik Fredmund: Führen Leisten Leben, Wirksames Management für eine neue Welt, Campus, Frankfurt / New York 2019
  • Nassehi Armin: Muster, Theorie der digi­ta­len Gesellschaft, C.H. Beck, München 2019
  • Süssli Thomas (Chef der Armee): Was es für die Digitalisierung der Schweizer Armee braucht, in: Armafolio, das Magazin von Armasuisse, November 2020
  • Wiederkehr Urs: Digitale Transformation – Geschäfts- schlägt Digitalisierungsverständnis
  • Zheng Alice, Casari Amanda: Merkmalskonstruktion für Machine Learning: Prinzipien und Techniken der Datenaufbereitungen, O’Reilly, dPunkt, Heidelberg 2019
  • Diverse punk­tu­el­le Ergänzungen und Querkontrollen aus Gabler-Wirtschaftslexikon (https://wirtschaftslexikon.gabler.de/), Duden, Wikipedia und Archiv Urs Wiederkehr.

Dr. Urs Wiederkehr (*1961), Dipl. Bau-Ing. ETH/SIA, ist Leiter Fachbereich Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA.

Artikel vom 25.2.2021

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