StartNewsDigitalisierungAdrian Wildenauer: «Digitaler Pass für Baustoffe – bald Pflicht statt Kür?»

Adrian Wildenauer: «Digitaler Pass für Baustoffe – bald Pflicht statt Kür?»

Prof. Dr. Adrian Wildenauer, Vorstandsmitglied bei Bauen Digital Schweiz, beschäftigt sich in seiner Kolumne mit der Frage nach der Kreislaufwirtschaft und stellt den digitalen Produktpass, den sogenannten Digital Product Passport (DPP) vor. Der DPP eröffnet neue Möglichkeiten für die Baubranche und setzt zugleich einen neuen Standard.

Wer plant, baut und beauf­tragt, ent­schei­det nicht nur über Kosten, Form und Funktion, son­dern auch über Stoffkreisläufe, CO₂-Bilanzen und künf­ti­ge Rückbaukosten. Noch wer­den die­se Aspekte häu­fig ver­nach­läs­sigt, wie die Asbestproblematik vor weni­gen Jahren zeig­te. Doch jetzt zeich­net sich ein Wandel ab: Mit dem Digital Product Passport (DPP) hält ein neu­er Standard in der Baubranche Einzug, der grund­le­gen­de Veränderungen mit sich brin­gen könn­te.

Was ist dieser digitale Pass?

Im Kern geht es dar­um, für jedes Bauprodukt einen digi­ta­len Steckbrief zu erstel­len. Woher stammt es? Aus wel­chen Materialien besteht es? Wie kann es wie­der­ver­wen­det oder recy­celt wer­den? Der digi­ta­le Produktpass (DPP) soll dabei kei­nen zusätz­li­chen büro­kra­ti­schen Aufwand ver­ur­sa­chen, son­dern Informationen digi­tal bün­deln und über den gesam­ten Lebenszyklus eines Produkts hin­weg zugäng­lich machen.

Warum ist das wichtig?

Die EU möch­te mit die­ser Initiative die Kreislaufwirtschaft för­dern. Ressourcen sol­len effi­zi­en­ter genutzt wer­den, län­ger im Wirtschaftskreislauf blei­ben und dadurch die CO₂-Emissionen redu­zie­ren. Bereits bei der heu­ti­gen Gebäudeplanung soll berück­sich­tigt wer­den, wie das Gebäude künf­tig umge­nutzt, umge­baut oder zurück­ge­baut wer­den kann und was mit den ver­bau­ten Materialien geschieht. Ein digi­ta­ler Produktpass macht Materialströme trans­pa­rent und steu­er­bar.

Von der Theorie zur Praxis

Das Konzept klingt viel­ver­spre­chend, doch wie sieht die Umsetzung aus? In der Schweiz steckt das Thema nicht mehr ganz in den Anfängen. Mehrere Branchenverbände schlies­sen sich zusam­men, um gemein­sa­me, EU-kom­pa­ti­ble Standards zu ent­wi­ckeln. Pionierunternehmen aus der Fenster- und Dämmstoffbranche tes­ten bereits ers­te Lösungsansätze. Erste Pilotprojekte zei­gen, dass die Integration des digi­ta­len Produktpasses (DPP) in bestehen­de Building-Information-Modeling-(BIM)-Prozesse viel­ver­spre­chend ist.

Dennoch blei­ben erheb­li­che Herausforderungen: So müs­sen Daten erfasst, aktua­li­siert und bereit­ge­stellt wer­den. Nach aktu­el­lem Stand wer­den dezen­tra­le Datenbanktechnologien zum Einsatz kom­men, wobei die Hersteller für die Ersterfassung und die Aktualität der Daten ver­ant­wort­lich sein wer­den. Weitere offe­ne Fragen betref­fen die Haftung bei feh­ler­haf­ten Angaben und die lang­fris­ti­ge Verfügbarkeit der Daten über Jahrzehnte hin­weg.

Diese Fragen erfor­dern in der Schweizer Bauwirtschaft zeit­na­he, gemein­schaft­li­che und kon­sens­ori­en­tier­te Lösungen.

Die Zukunft nimmt Gestalt an

Die Entwicklungsrichtung ist ein­deu­tig: Die EU plant, den digi­ta­len Produktpass für Batterien bereits ab 2026 ein­zu­füh­ren. Für Bauprodukte ist die ver­bind­li­che Einführung für Ende 2027/Anfang 2028 vor­ge­se­hen. Diese Regelung wird auch die Schweiz betref­fen. Unternehmen, die expor­tie­ren oder nach EU-Richtlinien arbei­ten, müs­sen sich dar­auf ein­stel­len. Die Planung, Errichtung und Bewirtschaftung von Gebäuden wird zuneh­mend daten­ba­siert erfol­gen – unab­hän­gig von per­sön­li­chen Präferenzen.

Chancen für die Branche

Für Planungsbüros, Bauunternehmen und Hersteller eröff­nen sich dadurch neue Möglichkeiten. Wer früh­zei­tig damit beginnt, Materialdaten digi­tal zu erfas­sen und wei­ter­zu­ge­ben, ver­schafft sich Wettbewerbsvorteile bei Ausschreibungen, Nachweisführungen und Nachhaltigkeitsbewertungen. Wer heu­te digi­tal denkt, kann mor­gen effi­zi­en­ter rück­bau­en, rec­cy­celn und wie­der­ver­wen­den. Der digi­ta­le Produktpass ist dabei mehr als nur ein tech­ni­sches Hilfsmittel, denn er ist ein Katalysator für ein grund­le­gen­des Umdenken: weg vom linea­ren «Take-Make-Waste»-Prinzip, hin zu einer kreis­lauf­ori­en­tier­ten, nach­hal­ti­gen Bauweise.

Es bleibt noch Zeit für Vorbereitungen, doch wer zu lan­ge zögert, ris­kiert den Anschluss zu ver­lie­ren. Nutzen wir die Gelegenheit, unse­re Branche zukunfts­fä­hi­ger, nach­hal­ti­ger und digi­ta­ler zu gestal­ten!

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