Vier Tage lang wurde in Shanghai programmiert, geschweisst, gemauert, installiert, geschreinert und konstruiert. Rund 1’400 junge Berufsleute aus 68 Ländern und Regionen traten bei den WorldSkills 2026 in 64 verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. Für die Schweiz waren 42 Berufstalente in 38 Skills am Start. Die Bilanz kann sich sehen lassen: vier Gold‑, zwei Silber- und sechs Bronzemedaillen sowie weitere 23 «Medals of Excellence». Damit erreicht die Schweiz Rang drei der Nationenwertung und ist die erfolgreichste europäische Delegation.
Das Bauhandwerk mischt ganz vorne mit
Aus Sicht der Bauwirtschaft lohnt sich ein genauerer Blick auf die Resultate. Denn ein erheblicher Teil der Schweizer Spitzenleistungen kommt aus Berufen, ohne die auf keiner Baustelle besonders viel passiert.
Matthias Steiner wurde im Bereich Plumbing and Heating Weltmeister. Robin Hollenstein holte Silber im Maurerhandwerk, Kilian Moser Bronze bei den Elektroinstallationen und Augustin Mettraux Bronze im Bereich Joinery. Dazu kommt Gold für Sandro Amrhein, Baumaschinenmechaniker EFZ, in Heavy Vehicle Technology.

Und die Medaillen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Schweizer Teilnehmende erhielten auch in Wall and Floor Tiling, Plastering and Drywall Systems, Painting and Decorating, Cabinetmaking und Carpentry eine «Medal for Excellence» – eine Auszeichnung für Leistungen auf internationalem Spitzenniveau.
Gerade für eine Branche, die seit Jahren über Nachwuchs- und Fachkräftemangel diskutiert, ist das ein bemerkenswertes Signal: Handwerkliche Berufe können technologisch anspruchsvoll, international konkurrenzfähig und für junge Menschen eine Karriere mit Perspektive sein.
Ein Erfolgsfaktor liegt näher als Shanghai
Warum schneidet ein Land mit knapp neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in einem weltweiten Berufswettbewerb derart gut ab?
Eine monokausale Antwort wäre zu bequem. Hinter den WorldSkills stehen aussergewöhnlich talentierte junge Menschen, intensive Vorbereitung und ein professionelles Umfeld. Swissmem spricht von einer fast einjährigen Vorbereitung mit regelmässigem Training, internationalen Experten und sportpsychologischer Begleitung. Aus Lernenden werden für den Wettbewerb regelrechte «Berufsathleten».
Ein struktureller Vorteil der Schweiz dürfte jedoch ihr duales Berufsbildungssystem sein. Rund zwei Drittel der Jugendlichen erhalten hierzulande eine berufliche Grundbildung. Charakteristisch ist die enge Verbindung von Ausbildung im Unternehmen und Unterricht an der Berufsfachschule. Lernende beschäftigen sich deshalb nicht nur mit Theorie oder Übungsaufgaben, sondern arbeiten bereits während ihrer Ausbildung in realen betrieblichen Prozessen.
Der Zusammenhang mit dem Erfolg an den WorldSkills lässt sich damit nicht wissenschaftlich beweisen. Er ist aber plausibel: Wer früh unter realen Bedingungen arbeitet, lernt neben Fachwissen auch Präzision, Verantwortung, Problemlösung und den Umgang mit Zeitdruck. Genau jene Fähigkeiten also, die bei einem internationalen Berufswettbewerb plötzlich ziemlich nützlich werden.

Auch eine Botschaft an die Bauwirtschaft
Der Erfolg von Shanghai sollte deshalb nicht nur als schöne Momentaufnahme gefeiert werden. Er ist auch eine Erinnerung daran, welchen strategischen Wert Berufsbildung hat.
Die Bauwirtschaft verändert sich rasant. Digitalisierung, BIM, Vorfertigung, Automatisierung, neue Materialien und steigende Anforderungen an Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft verändern Berufsbilder. Das macht handwerkliches Wissen nicht überflüssig – im Gegenteil. Die Verbindung von praktischem Können, technischem Verständnis und digitalen Kompetenzen wird wichtiger.
Dass die Schweiz bei den WorldSkills sowohl in klassischen Gewerken wie Sanitär, Maurerarbeiten und Schreinerei als auch in Bereichen wie Industry 4.0 und Softwareentwicklung Medaillen gewinnt, passt erstaunlich gut zu dieser Entwicklung. Die Grenze zwischen «Handwerk» und «Technologie» wird zunehmend künstlich.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft aus Shanghai: Die Zukunft der Bauwirtschaft besteht nicht darin, das Handwerk durch Technologie zu ersetzen. Sie besteht darin, beides miteinander zu verbinden. Und zumindest an den WorldSkills zeigt die nächste Generation gerade ziemlich eindrucksvoll, dass sie das kann.


