Dienstag, 16. Juli, 2024
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Öko-Siegel für Bauprodukte und Gebäude

Bei der Planung von nachhaltigen Gebäuden helfen Zertifizierungen und Siegel. Einige beziehen sich auf die verbauten Materialien und Bauprodukte, andere auf die ganze Immobilie. Eine Übersicht

Von Marian Behaneck

Menschen in Industrieländern verbringen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in geschlossenen Räumen in der Wohnung oder im Büro. Dies verdeutlicht, wie wichtig eine bewusste Auswahl von Wand-, Boden- oder Deckenmaterialien, Belägen oder Farben für die Gesundheit und das Wohlbefinden ist. Auch Umwelt und Gesellschaft profitieren, wenn bei der Auswahl von Baustoffen Umweltaspekte ebenso berücksichtigt werden, wie die Herkunft und Produktion, Transport-, Bau- und Montageabläufe, Lebenszyklusaspekte sowie ethische und soziale Faktoren.

Welche Öko-Siegel für den Bau gibt es?

Ob ein Gebäude oder ein Material nachhaltig ist, kann mit Zertifizierungen und Siegeln vermittelt werden. Doch deren Vielzahl ist inzwischen kaum noch überschaubar. Die Palette reicht von Siegeln unabhängiger Institutionen, über Siegel von Interessensverbänden mit einer freiwilligen Selbstkontrolle, bis hin zu marketing- oder werbeorientierten Prüfplaketten der Baustoffindustrie.

Ganz grob kann man das Angebot an herstellerunabhängigen Umwelt- und Öko-Siegeln in drei Kategorien einteilen:

  • Siegel, die der Bewertung von Materialien in Bezug auf eine nachhaltige Herkunft und Produktion dienen,
  • Siegel, die zusätzlich auch bestimmte Produkteigenschaften zertifizieren oder
  • Siegel, die für komplette Gebäude einen Nachhaltigkeitsnachweis liefern.

Material-Siegel

Material-Siegel werden für nachhaltig produzierte Rohstoffe und Materialien vergeben und sollen für eine Nutzung von Ressourcen bürgen, die sich an der natürlichen Regenerationsfähigkeit orientiert. Zu den ältesten gehört der 1993 begründete FSC-Standard, der nachhaltig produziertes Holz in Holzprodukten zertifiziert. Mit Material-Siegeln ausgezeichnete Produkte sind allerdings nicht zwangsläufig ökologisch oder gesundheitlich unbedenklich, da nur die Herkunft und Produktkette zur Rohstoffgewinnung überprüft und zertifiziert werden.

Produkt-Siegel

Produkt-Siegel beziehen sich auch auf alle für die Produktion eines Produktes erforderlichen Materialien, auf ihre Herkunft und Nachhaltigkeit. Darüber hinaus stehen sie auch für die Qualität und die biologischen oder chemischen Eigenschaften des kompletten Produktes, das häufig aus mehreren Komponenten besteht.

Gebäude-Siegel

Gebäude-Siegel bewerten das gesamte Bauwerk auf seine Nachhaltigkeit – und damit auch alle darin verbauten Baumaterialien und -produkte. Auch bei deren Herstellung anfallende Emissionen oder Energieverbräuche sowie Lebenszykluskosten, die sich aus Betriebs-, Inspektions-, Wartungs- oder Reinigungskosten zusammensetzen, werden berücksichtigt. Diese Siegel spielen in der Immobilienentwicklung und -vermarktung inzwischen eine große Rolle. Ein Beispiel ist das Bewertungssystem DGNB von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen.

Frau in einem Prüflabor mit Kammern und Türen aus Stahl
Material- und Produktprüfungen setzen ein umfangreiches technisches Equipment voraus, etwa klimatisierte Prüfkammern zur Untersuchung der Schadstoffabgabe. Foto: TÜV Rheinland

Wichtige herstellerneutrale Produktsiegel

Cradle to Crdale certfied Siegel

Cradle to Cradle

Der Begriff „Cradle to Cradle“ wurde von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt und hat sich inzwischen als Synonym für kreislauffähiges Bauen etabliert. Tatsächlich „Cradle to Cradle“ ist ein Bauprodukt aber nur mit einem entsprechenden Zertifikat, das vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute für diverse Produktarten und in mehreren Abstufungen vergeben wird. Das Konzept des zirkulären Bauens nach dem Cradle to Cradle Prinzip wird von der C2C NGO verbreitet.

EU Ecolabel Siegel

EU Ecolabel

Für das von der Europäischen Kommission initiierte EU Ecolabel werden diverse Produkte geprüft, darunter auch Bau- und Ausbauprodukte. Untersucht werden die Herkunft, chemische und biologische Eigenschaften, Güte und Qualitätskriterien, Zusammensetzung, Recycling- und Entsorgungsfähigkeit. Ebenso geprüft werden Inhaltsstoffe und Emissionen gefährlicher oder gesundheitsgefährdender Stoffe, wie etwa Weichmacher.

PEFC Siegel

PEFC

Das internationale Siegel PEFC des PEFC-Council (Programme for the Endorsment of Forest Certification Schemes) garantiert, dass verwendetes Holz überwiegend aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern kommt. Die PEFC-Variante „regional“ bürgt zudem für zu 100 Prozent zertifiziertes Material aus der genannten Region.


Wichtige unabhängige Gebäudesiegel

Siegel Nachhaltiges Gebäude

BNB

Das BNB (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen) ist ein Bewertungssystem des Bundes für die Planung und Bewertung meist öffentlicher Bauvorhaben. Für Bürogebäude, Unterrichtsgebäude, Laborgebäude und Außenanlagen bestehen standardisierte Zertifizierungsprozesse. Dabei werden Ökologische, ökonomische, soziokulturelle/funktionale sowie die technische Qualität mit je 22,5 Prozent bewertet, die Prozessqualität der Planung mit 10 Prozent. Die eigentliche Zertifizierung erfolgt durch autorisierte private Institute.

Breeam Logo

BREEAM

BREEAM steht für Building Research Establishment Environmental Assessment Method. Das ist ein Zertifizierungssystem zur Bewertung der Gebäude-Nachhaltigkeit, bei dem verschiedene Aspekte berücksichtigt werden, zum Beispiel der Energie- und Wasserverbrauch, Bauweisen und Materialien, Gesundheit und Komfort sowie die ökologischen Auswirkungen des Gebäudes. Die Ergebnisse werden in fünf (Neubau), bzw. sechs Exzellenzgraden (Bestand) abgebildet. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird das BREEAM-Siegel durch den TÜV Süd vergeben.

DGNB Logo

DGNB Gütesiegel Nachhaltiges Bauen

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. bewertet Gebäude nach ökologischen Faktoren von Bauprodukten, wie etwa Außenwandbekleidungen, Bodenbeläge, Dämmstoffe, Bauplatten, Beschichtungen, Türen und Tore sowie Wasser- und Abwasseranlagen. Bei der DGNB-Gebäudebewertung werden neben ökologischen auch ökonomische, sozio-kulturelle Aspekte sowie die technische Ausführungsqualität und die Prozessqualität der Planung berücksichtigt. Das Gütesiegel wird in den Qualitätsstufen Bronze (nicht für Neubauten), Silber, Gold und Platin verliehen. Gebäude mit Gold- oder Platinstatus können für besonders herausragende Architektur zusätzlich eine Diamant-Auszeichnung erhalten. Auch ganze Quartiere können zertifiziert werden.

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LEED

Der Kriterienkatalog des international verbreiteten US-amerikanischen Gebäude-Zertifizierungssystems LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) berücksichtigt unter anderem den Standort, eine effiziente Nutzung von Wasser, Energie, Materialien und Ressourcen, ferner die Innenraumqualität sowie Innovation, Design und Regionalität. Das Siegel ermöglicht einen globalen Vergleich von Immobilien.


Selbst hinter das Label schauen

Angesichts des Überangebots an Baumaterialien und Bauprodukten wollen Bauproduktdatenbanken, Öko-Siegel und Standards Ordnung, Übersicht und Vertrauen schaffen und das jeweilige Material und Produkt von der Konkurrenz abheben. Einige Bauprodukte-Siegel sind in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten, weil beispielsweise Prüfkriterien nicht streng genug waren oder sind. Dringend nötig sind auch einheitliche EU- oder internationale Standards. So lange sind Planerinnen und Bauherren gezwungen, sich das hinter einem Label steckende Konzept, die Auswahl-, Prüf- und Zertifizierungskriterien genau anzuschauen.

Verpackung und Entsorgung

Achten sollte man aber nicht nur auf das Produkt, sondern auch auf seine Verpackung. Besteht sie aus Kunststofffolien und Styropor oder einem nicht trennbaren Materialmix, wird der Nachhaltigkeitsanspruch des damit verpackten Produktes ad absurdum geführt.

Klar ist auch: umweltschonende, nachhaltig hergestellte Bauprodukte sind gut. Besser ist die direkte oder stoffliche Wiederverwertung von Abbruchmaterial. Obwohl Bau- und Abbruchabfälle hierzulande einen großen Teil am gesamten Brutto-Abfallaufkommen pro Jahr ausmachen, werden aus Recyclingmaterialien hergestellte Bauprodukte oder gebrauchte, aber noch intakte Bauelemente noch viel zu wenig genutzt.

Marian Behaneck ist freier Fachjournalist in Jockgrim (Pfalz)

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