StartNewsBauwirtschaftKolumne von Michael Frank: «Es ist Zeit, um Fahrt aufzunehmen»

Kolumne von Michael Frank: «Es ist Zeit, um Fahrt aufzunehmen»

In der Kolumne berichten Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), beschäftigt sich mit der Strommangellage sowie dem Netz- und Produktionsausbau.

Gross und fett waren sie, die Schlagzeilen über eine Strommangellage, Stromkontingentierungen und Netz­abschaltungen. Erst ein hal­bes Jahr ist es her, dass die Schweiz und Europa befürch­te­ten, den Winter frie­rend und im Dunkeln ver­brin­gen zu müs­sen. Nun steht der Wonnemonat vor der Tür, und die kal­te Jahreszeit neigt sich defi­ni­tiv ihrem Ende ent­ge­gen. Obwohl, so kalt war die­ser Winter übers Ganze betrach­tet ja gar nicht. Und das war ein gros­ser Glücksfall! Denn ent­spre­chend gering blie­ben der Heiz- und damit auch der Energiebedarf. Wäre der Winter sei­nem Namen gerecht gewor­den, wären wir mög­li­cher­wei­se nicht der­art glimpf­lich davon­ge­kom­men.

Es wäre indes falsch, die war­nen­den Worte des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), der ­Organisation für Stromversorgung in Ausser­ordentlichen Lagen (OSTRAL) und des Bundes nun als blos­se Unkenrufe abzu­tun. Das Risiko einer Strommangellage im ­Winter 2022⁄23 war real und gross – und das ist es auch für den nächs­ten ­Winter. Zudem: Das Wetter wird nicht jeden Winter so mild sein wie im Winter 2022⁄23. Denn nach wie vor ist die Schweiz im ­Winter Netto-Stromimporteurin, weil sie wäh­rend der Monate Februar bis April nicht in der Lage ist, aus­rei­chend Strom aus ein­hei­mi­schen Energiequellen zu ­pro­du­zie­ren. Der dafür nöti­ge Ausbau von Solarstromanlagen und Windkraft­werken hinkt den Bedürfnissen hin­ter­her respek­ti­ve wird auf insti­tu­tio­nel­len Wegen ­blo­ckiert.

Weil der Bedarf nach Strom mit fort­schrei­ten­der Dekarbonisierung des Verkehrs und des Heizens künf­tig stark zuneh­men wird, besteht also drin­gen­der Handlungsbedarf. Der VSE hat in sei­ner Studie «Energiezukunft 2050» gemein­sam mit der Empa ver­schie­de­ne Szenarien unter­sucht, wie die Energieversorgung der Schweiz bis 2050 aus­se­hen könn­te. Das Fazit ist ein­deu­tig: Ohne mas­siv beschleu­nig­ten Zubau, mas­si­ve Steigerung der Effizienz, fokus­sier­ten Um- und Ausbau der Netze sowie einen engen Energieaustausch mit Europa wird die Schweiz ihre Energie- und Klimaziele nicht errei­chen.

Innerhalb des letz­ten Jahres ist das Thema Versorgungssicherheit defi­ni­tiv in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Um die­se Versorgungssicherheit zu gewähr­leis­ten, braucht es neben dem Ausbau der Produktion auch ein Netz, das den Strom trans­por­tiert und ver­teilt. Nun stammt unser Netz aus einer Zeit, in der gros­se, zen­tra­le Kraftwerke Strom pro­du­zier­ten, wel­cher anschlies­send über meh­re­re Netz­ebenen zu den Endverbrauchern gelang­te. Dieses Netz ist nicht dar­auf ­aus­ge­legt, all die künf­ti­gen Lastflüsse, zum Beispiel aus der Rückspeisung von pri­va­ten PV-Anlagen oder aus bidi­rek­tio­na­len Anwendungen von E‑Fahrzeugen, zu schlu­cken. Hinzu kommt, dass all die neu­en, dezen­tra­len Produktionsanlagen auch einen Netzanschluss brau­chen, damit nicht vor Ort ver­brauch­ter Strom ins Netz ein­ge­speist wer­den kann. Das bestehen­de Netz muss daher drin­gend aus­ge­baut, den Bedürfnissen der neu­en dezen­tra­len Strukturen ange­passt und moder­ni­siert wer­den. Dafür braucht es einen veri­ta­blen «Netzexpress».

Auch wenn die Strommangellage im ver­gan­ge­nen Winter aus­blieb und stets ­genü­gend Strom ver­füg­bar war, war ­kei­nes­wegs «alles nur halb so schlimm», son­dern uns wur­de bloss etwas zusätz­li­che Zeit geschenkt. Nutzen wir sie, um unser System den neu­en Realitäten anzu­pas­sen und das Risiko einer Strommangellage auf ein Minimum zu redu­zie­ren. Gewiss, die Vorbereitungen und Pläne für den ver­gan­ge­nen Winter wer­den uns auch im kom­men­den ­Winter zugu­te­kom­men. Aber unser Ziel muss sein, einen Punkt zu errei­chen, an dem wir uns über das Thema Strom­mangellage gar nicht mehr unter­hal­ten müs­sen. Die Richtung ist klar. Jetzt heisst es: Fahrt auf­neh­men!

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