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Keine Frau auf dem Bau: Darum gibt es in der Schweiz nur wenige Ingenieurinnen

Auch auf den Schweizer Grossbaustellen der jüngeren Vergangenheit waren nur wenige Ingenieurinnen tätig: Therese Scheidegger, Bauingenieurin und Tunnelbauerin, vor dem Neat-Portal in Erstfeld, 5. Februar 2016.

Für den tie­fen Frauenanteil in tech­ni­schen Berufen sind para­do­xer­wei­se auch Erfolge in der Gleichstellung ver­ant­wort­lich. Es ändert sich nur lang­sam etwas.

Staudämme, Brücken, Alpendurchstiche – sol­che Werke gel­ten als Zeugnisse der Geschichte der moder­nen Schweiz. Denkmäler ver­ewi­gen die «Helden», die die­se Bauten plan­ten, und bis heu­te wer­den die Ingenieure gera­dezu als «Idealbürger» gese­hen: In ihnen ver­bin­den sich Fleiss, Kühnheit und Un­ter­neh­mer­geist zu einem gleich­zei­tig boden­stän­di­gen und fort­schritts­ori­en­tier­ten Ideal.

Frauen kom­men unter die­sen Idealbürgern aller­dings nicht vor. Das Bild des Ingenieurs ist mit Männlichkeitsvorstellungen ver­knüpft. Wäh­rend die tech­ni­schen Fächer an den Universitäten auch den Frauen offen­stan­den, setz­te die Ausbildung an einem Technikum die Lehre in einem tech­ni­schen Beruf vor­aus, und die war lan­ge fast aus­nahms­los der männ­li­chen Jugend vor­behalten. In vie­len Kantonen lehr­te die Volksschule zudem noch in den 1970er Jahren nur die Buben Geometrie, die Mäd­chen dage­gen Handarbeit, was sie beim Übertritt in ein mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­ches Gym­na­sium be­nachteiligte. Kein Wunder, gab es in der Schweiz bis gegen Ende des 20. Jahr­hun­derts kaum Ingenieurinnen.

Geht es um gros­se Schweizer Ingenieursleistungen, dann ver­wei­sen sie meis­tens auf die ETH. 1855 als bun­des­ei­ge­nes Polytechnikum gegrün­det, liess die ETH zwar von Beginn weg auch Frauen zum Studium zu. Als ers­te schrieb sich 1871 Nadežda Nikolaevna Smezkaja aus Moskau im Maschineningenieurwesen ein. Doch es dau­er­te ein hal­bes Jahrhundert, bis hier 1933 die ers­te Schweizerin ihr Studium als Bauingenieurin abschloss: Hela von Tscharner. Allerdings hat­te auch sie Wurzeln aus­ser­halb der Schweiz. 1908 in Russland ge­bo­ren, liess sie sich mit ihrer Familie nach der Russischen Revolution in Zürich nie­der.

Heute ist Hela von Tscharner, die ers­te Schweizer Bauingenieurin, weit­ge­hend in Vergessenheit gera­ten.

1939 mach­te sich von Tscharner als Bauingenieurin selb­stän­dig; heu­te ist sie weit­ge­hend in Vergessenheit gera­ten – im Gegensatz zur ers­ten selb­stän­di­gen Architektin der Schweiz, der Autodidaktin Lux Guyer. Sie wur­de als Verantwortliche für die ers­te Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) 1928 in Bern und mit ihren Wohnhäusern für allein­ste­hen­de Frauen wie dem Lettenhof in Zürich bekannt.

Architektinnen waren frü­her eher akzep­tiert als Ingenieurinnen – man brach­te ihre Arbeit mit dem Häuslichen in Verbindung, das sich für Frauen ziem­te. Im Bild: Annemarie Hubacher-Constam, Chefarchitektin der Zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit, Saffa. (Dezember 1956). Alfons Biland / Photopress / Keystone / NZZ

Durch triefende Stollen stapfen

Architektur zählt nicht zum Ingenieurwesen im engen Sinn, aber doch zum tech­ni­schen Bereich. Und weil man den Beruf der Architektin mit dem Künstlerischen und Häuslichen in Verbindung brach­te, war er bereits in der Zwischenkriegszeit eher akzep­tiert als jener der Inge­nieu­rin. Trotzdem blieb auch die Zahl der Ar­chi­tek­tin­nen lan­ge nied­rig. «Bis heu­te haben bloss zwei oder drei Frauen die­sen Beruf gewählt», erklär­te Annie Muriset, Beamtin in der Landesbibliothek, im patrio­tisch gesinn­ten Buch Leben und Wirken der Frauen in der Schweiz von 1943. «Aber sicher­lich ver­möch­te die Frau dank ihres Sinnes für Innenausstattung und ihrer häus­li­chen Erfahrungen ihren Kollegen wert­vol­le Mitarbeit zu leis­ten.»

Früher als in ande­ren Bereichen waren Frauen auch in der Chemie tätig: Die Disziplin galt wegen des Um­gangs mit Reagenzgläsern und Bunsenbrennern als ange­mes­sen für Frauen – sie ähnel­te der Arbeit in der Küche

Früher als in ande­ren Bereichen waren Frauen auch in der Chemie tätig: Die Disziplin galt wegen des Um­gangs mit Reagenzgläsern und Bunsenbrennern als ange­mes­sen für Frauen – sie ähnel­te der Arbeit in der Küche. So lehr­te Gertrud Woker ab 1907 als ers­te Chemieprofessorin im deutsch­spra­chi­gen Raum an der Universität Bern. Bekannt wur­de sie als Pazifistin, die ange­sichts des Giftgaseinsatzes im Ersten Weltkrieg zur Ächtung von Chemiewaffen auf­rief.

Hinter dem Berufsbild «Ingenieur» stand dem­ge­gen­über ein klas­si­sches Männlichkeitsideal. Es zeigt sich zum Beispiel im 1891 gegrün­de­ten Technikum Burgdorf, mit dem sich die Historikerin Edith Maienfisch beschäf­tigt hat. Bis 1930 waren elf Frauen in die Institution ein­ge­tre­ten, sechs in Chemie, vier in Architektur, eine ein­zi­ge im Bauingenieurwesen, was sich fünf­zig Jahre lang nicht mehr änder­te. Die Ingenieursausbildung war ein­deu­tig auf Männer aus­ge­rich­tet. So hielt ein Bericht von 1917 fest, dass sich die ange­hen­den Burgdorfer Ingenieure bei Exkursionen dann so rich­tig in ihrem Element fühl­ten, wenn ihnen «der Gang durch was­ser­trie­fen­de Stollen gestat­tet war». «Nach rech­ter Tiefbauerart» lies­sen sie sich weder durch Kälte noch durch Nässe abhal­ten, «wenn irgend­wo etwas Wichtiges los war».

Die Vorstellung, dass sich Dreck nicht für Frauen zie­me, hielt womög­lich etli­che vom Bauingenieurstudium ab. Ein noch höhe­res Hindernis stell­ten der Umgangston und die gerin­ge Akzeptanz auf den Baustellen dar. Und das bis in die Gegenwart.

Arbeit an der Stromübertragung eines Kraftwerks: Die bri­ti­sche Ingenieurin Valerie Peachey (links), auf­ge­nom­men 1969 für den Film «The Engineer is a Woman», der den Schülerinnen neue Vorbilder ver­mit­teln soll­te. Institution of Engineering and Technology Archives / NZZ

Förderung mit geringem Erfolg

Auch auf den Grossbaustellen des neu­es­ten schwei­ze­ri­schen Jahrhundertprojekts, jenen der Neuen Alpentransversalen (Neat), waren nur sehr weni­ge Ingenieurinnen tätig. Die Tessinerin Michela Bazzi war eine von ihnen. Sie hat­te am Polytechnikum in Mailand stu­diert und war am Südportal des Gotthard-Basistunnels in Bodio für Umweltfragen zustän­dig, als beglei­ten­de Projektverantwortli­che. Es sei am Anfang nicht ein­fach gewe­sen, erklär­te sie 2003, sich an den Schlamm und an den Umgangston zu gewöh­nen. Darum sei­en Bauingenieurinnen eher im Büro als auf den Baustellen tätig.

Bei den Baustellen im Untergrund kam zum Lärm und zur Hitze die tra­di­tio­nel­le Vorstellung, Frauen im Berg bräch­ten Unglück.

Auch Bazzi sel­ber arbei­te­te nicht im Untergrund bei den Bohrmaschinen. Dort kam zum Lärm und zur Hitze die tra­di­tio­nel­le Vorstellung, Frauen im Berg bräch­ten Unglück. Unter den Technikerkollegen sei die­ser Glaube zwar kein Thema mehr, berich­te­te 2016 Sabine von Büren, die eben­falls am Gotthard tätig war. Aber zu Beginn hät­ten man­che Mineure den Tunnel ver­las­sen, wenn Politikerinnen die Baustelle besuch­ten. Von Büren hat­te sich nach einer Lehre als Zeichnerin zur Ingenieurin aus­bil­den las­sen und ist nach wie vor auf Grossbaustellen tätig.

Nicht zuletzt die femi­nis­ti­sche Bewegung hat dafür gesorgt, dass in vie­len Ländern der ­gerin­ge Anteil von Frauen in den tech­ni­schen Beru­fen zum Thema wur­de. Auch in der Schweiz bemüht man sich, den weib­li­chen Nachwuchs in den Mint-Fächern zu för­dern und bei Mädchen das Interesse für Technik zu wecken, etwa mit den «Meitli-Technik-Tagen» in den Firmen oder Mentoring-Programmen. Mit gerin­gem Erfolg, wie die neu­es­ten Zahlen zei­gen – obwohl die weib­li­che Jugend nicht min­der mathe­ma­tisch be­gabt ist als die männ­li­che.

Auf uni­ver­si­tä­rer Stufe hat sich die Zahl der Eintritte von Frauen in den tech­ni­schen Wissenschaften 2001 bis 2021 zwar ver­dop­pelt. Unter den 500 Ingenieurinnen und In­ge­nieu­ren, die 2020 an der ZHAW School of Engineering (dem ehe­ma­li­gen Technikum Winterthur) ihr Studium abschlos­sen, waren die Frauen aber noch immer eine kla­re Minderheit. Die Informatik wies mit elf Frau­en auf 107 Männer den höchs­ten Anteil auf, es folg­te die Maschinentechnik mit sie­ben Absolventinnen auf 84 Absolventen. Die Quoten gehö­ren euro­pa­weit zu den nied­rigs­ten.

Ärmere Länder liegen vorn

Hinter die­ser Realität steht ein Paradox. Wie Forscherinnen unter der Leitung der Ökonomin Margit Osterloh gezeigt haben, resul­tiert der tie­fe Frauenanteil in den tech­ni­schen Berufen auch aus den Fortschritten in der Gleichstellung. Sie haben dafür gesorgt, dass die tra­di­tio­nell «weib­li­chen» Berufe heu­te ange­se­he­ner und bes­ser bezahlt sind. Die Löhne sind zwar noch immer tie­fer als in den tech­ni­schen Berufen. Aber laut Osterloh kön­nen es sich die Frauen in rei­chen Ländern wie Finnland, Norwegen, den Nieder­landen oder der Schweiz leis­ten, der bes­se­ren Entlöhnung die höhe­re Anerkennung vor­zu­zie­hen, die sie für weib­lich ta­xier­te Arbeit erfah­ren. Anders in är­me­ren Ländern, dort sei der Lohn ent­schei­dend für die Berufswahl. Darum betra­ge der Frauenanteil in tech­ni­schen und mathema­tischen Studiengängen in der Schweiz heu­te 22 Prozent, in Marokko dage­gen 45 Prozent.

Auch von die­sen Umständen weiss eine Neat-Ingenieurin zu berich­ten. Bevor Annette Ruckstuhl-Richter in die Schweiz kam und am Gotthard für den Zugang zum Hauptstollen zustän­dig wur­de, hat­te die Deutsche in den acht­zi­ger Jahren in Aachen und Turin stu­diert. An bei­den Hochschulen habe es mehr Studentinnen in ih­rem Fach gege­ben als an der ETH, sagt sie. In ih­rer Zürcher Firma sei sie anfangs die ein­zi­ge In­ge­nieu­rin gewe­sen, ohne Vorbild, ohne Verbündete. Heute gebe es Frauen in allen Schweizer Bau- und Planungsfirmen und sie sei­en selbst­be­wuss­ter und bes­ser ver­netzt. Aber noch immer hät­ten die jun­gen Ingenieurinnen mehr­heit­lich aus­län­di­sche Wurzeln, von den Tamilinnen bis zu den Süd- und Osteuropäerinnen.

Sourcenzz.ch
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