Mittwoch, 22. Mai, 2024
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«Jede Sekunde 500 Kilogramm Bauschutt»: Heimatschützer und Architekten fordern Umdenken beim Bauen 

In den Städten kommt die Abrissbirne immer häufiger zum Einsatz. Doch Neubauten belasten das Klima stärker als die Renovation älterer Gebäude. Jetzt befasst sich die Politik mit dem Thema.

Seit über einem Jahrzehnt ist in der Schweiz ein Bauboom im Gang. Innerhalb dieser Dekade sind über eine halbe Million Wohnungen entstanden. Nicht zuletzt in dicht besiedelten Agglomerationen kommt dabei häufig die Abrissbirne zum Einsatz: Weil eine hohe Rendite winkt oder zusätzlicher Wohnraum entstehen soll, müssen immer mehr alte Gebäude neuen Siedlungen Platz machen.

Ersatzneubauten heisst das Zauberwort – und aus Klima- und Energiesicht spricht einiges für sie. Ein grosser Teil der Gebäude in der Schweiz ist schlecht isoliert und wird mit Öl oder Gas beheizt. Für fast die Hälfte des Energiebedarfs und ein Viertel des CO2-Ausstosses ist deshalb der Gebäudepark verantwortlich. Soll sich dies ändern, führt aus Sicht des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) kein Weg am Abriss vorbei. «Nur wenn wir es schaffen, alte Gebäude durch klimaneutrale und höher gebaute Neubauten zu ersetzen, erreichen wir die ambitionierten Klimaziele bis 2050», sagt der SBV-Sprecher Matthias Engel.

Auch Bund und Kantone fördern den Ersatz älterer Gebäude in der Regel nach Kräften. Da die Neubauten im Betrieb viel energieeffizienter sind, können sie so im Klimaschutz Erfolgszahlen ausweisen.

Die Sache hat allerdings einen Haken. Denn bei den Neubauten wird jeweils die graue Energie ausgeblendet, die in den Gebäuden steckt. Und diese ist sehr klimarelevant, weil bei der Herstellung von Baumaterialien wie Zement, Stahl und Aluminium enorme Mengen Treibhausgase anfallen. «Über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes hinweg wird über die Hälfte der Treibhausgase bereits in der Bauphase emittiert», sagt Urs Rieder, Vizepräsident des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Insgesamt verursache der Bau von Gebäuden damit etwa gleich viel CO2-Emissionen wie alle fossilen Heizungen in der Schweiz.

Der SIA macht sich deshalb dafür stark, dass innovative Gebäudekonzepte mit möglichst geringem Materialeinsatz und klimaneutrale Baustoffe wie etwa Holz gefördert werden. Doch das alleine reicht laut Rieder nicht. Was es brauche, sei vielmehr ein grundsätzliches Umdenken in Politik und Baubranche. So müsse der Weiterbau am Bestand eine viel grössere Beachtung erhalten als heute. «Es darf nicht sein, dass Ersatzneubauten von der Politik bevorzugt werden», kritisiert er. Heute sei es in den meisten Fällen ohne weiteres möglich, bestehende Gebäude so zu sanieren, dass im Betrieb nicht mehr Treibhausgase emittiert würden als bei Neubauten.

Kategorisch gegen Ersatzneubauten stellen will sich der SIA freilich nicht: Es gebe Gebäude, die von der Bausubstanz her für einen Weiterbau ungeeignet seien, räumt Rieder ein. Jedoch müsse jeweils stets genau geprüft werden, ob ein Gebäude nicht erhalten bleiben könne.

Jede Sekunde fallen 500 Kilogramm Bauschutt an

Sekundiert wird der SIA in seinem Kampf gegen den Abbruch von Häusern vom Schweizer Heimatschutz (SHS). «Jede Sekunde werden in der Schweiz über 500 Kilogramm Bauabfälle durch den Abriss von Bauten produziert. Damit ist die Baubranche für über 80 Prozent des Abfalls in der Schweiz verantwortlich», sagt SHS-Geschäftsführer Stefan Kunz. Trotz Anstrengungen beim Rezyklieren sei der Verlust von grauer Energie zu hoch. Der klimaschonende Weiterbau im Bestand müsse deshalb mehr Gewicht erhalten. 

Auf die Problematik der grauen Energie in den Gebäuden ist mittlerweile auch das Parlament aufmerksam geworden. So sieht die Umweltkommission des Nationalrats (Urek) in einer Vorlage zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft nicht nur neue Anforderungen für die finanzielle Förderung von Baustoffen wie Holz und Stroh vor. Ebenfalls sollen Kantone künftig dazu verpflichtet werden, einen Grenzwert für die graue Energie vorzusehen, der bei der Errichtung eines Gebäudes einzuhalten ist. Für die Umsetzung zuständig sein sollen die Kantone im Rahmen der Mustervorschriften im Energiebereich (Muken).

Eine Studie, die im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt erstellt wurde, war davor zum Schluss gekommen, dass solche Grenzwerte ein effektives und kostengünstiges Instrument darstellen, um in der Bauwirtschaft mehr Nachhaltigkeit zu etablieren. So könnten mittelfristig realistischerweise etwa 20 Prozent der Emissionen eingespart werden. Die Mehrkosten beim Bau würden sich dabei laut der Studie lediglich auf etwa ein Prozent belaufen.

Auf die Bremse steht allerdings Energieminister Albert Rösti. Man unterstütze zwar das Ziel, graue Energie und Treibhausgasemissionen beim Bauen zu reduzieren, heisst es in einer Stellungnahme des Bundesrats vom Mittwoch. Allerdings geht ihm die landesweite Einführung von Grenzwerten zu weit. Der Bundesrat beantragt deshalb, die Bestimmung in der parlamentarischen Vorlage zu streichen. Er will es den Kantonen selber überlassen, solche Grenzwerte einzuführen oder nicht. Am Montag beugt sich die Urek über das Geschäft.

Erfassung der grauen Energie ist eine Herkulesaufgabe

Während der Heimatschützer Kunz von einem «herben Rückschlag» spricht, ist die Position des Bundesrats ganz im Sinne des Schweizerischen Baumeisterverbands. Dieser lehnt die Einführung von Grenzwerten für graue Energie grundsätzlich ab. «Die korrekte Erfassung der grauen Energie bei Neubauten und Erneuerungen kommt in der Praxis einer Herkulesaufgabe gleich», sagt der Verbandssprecher Matthias Engel. Diese dürfte denn auch scheitern oder – schlimmer noch – verzerrende Resultate liefern. Letztlich drohe damit eine «immense Verteuerung» der Bauwerke.

Auch von der Forderung des Heimatschutzes, auf Ersatzneubauten möglichst zu verzichten und stattdessen ältere Gebäude zu renovieren, wollen die Baumeister nichts wissen. Der Bedarf an neuen Wohnungen sei insbesondere in den Städten gross. «Diese Herausforderung lösen wir nicht, indem wir weiter in zwei- bis dreistöckigen Häusern leben», so Engel.

Nur dank Ersatzneubauten könnten in bestehenden Wohnquartieren deutlich mehr Personen wohnen, ohne dass wertvolle Erholungsräume verlorengingen. Aus einem Quadratmeter Wohnfläche entstünden bei einem Ersatzneubau jeweils drei Quadratmeter. Schliesslich werde auch jedes Mal, wenn eine Person an ihren Arbeitsort in der Stadt ziehe, viel CO2 durch den kürzeren Pendlerweg eingespart.

SourceNZZ
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