StartNewsBauwirtschaftHoch hinaus mit Holz und BIM

Hoch hinaus mit Holz und BIM

Hoch hinaus mit Holz und BIM

BIM zielt im Zuge der Digitalisierung auf eine Planung unter Einbezug aller Baubeteiligten und über den gan­zen Lebenszyklus von Immobilien. Der Holzbau, bereits seit Jahrzehnten in der drei­di­men­sio­na­len digi­ta­len Welt zu Hause, ist prä­de­sti­niert für die­se neue Organisationsform des Bauens. In Rotkreuz tritt er den Tatbeweis dafür an – mit hohen Bauten, wie sie der Holzbau hier­zu­lan­de zuvor noch nicht kann­te. Mittlerweile ste­hen wei­te­re Holz Hochhausprojekte in Zug, Regensdorf und Prilly in Planung.

Michael Meuter, Verantwortlicher Information von Lignum, Holzwirtschaft Schweiz, Zürich

Die «Suurstoffi» in Rotkreuz hat es in sich. Auf dem rund 100’000 Quadratmeter gros­sen Areal ent­steht seit eini­gen Jahren Stück für Stück ein durch­misch­tes, kli­ma­neu­tra­les Quartier, in dem sich Wohnen, Arbeiten und Freizeitaktivitäten durch­drin­gen. Die Arbeiten sind bald abge­schlos­sen. Im Endausbau bie­tet die «Suurstoffi» Raum für rund 1500 Bewohner, an die 2000 Studierende und über 2500 Arbeitsplätze.

Licht, Luft und Holz: Bürofläche im Holz-Hybridhochhaus ‹S22› in Rotkreuz. Bild: Corinne Cuendet, Clarens/Lignum

In die­sem span­nen­den Umfeld zeigt der Holzbau Spitzenleistungen: Im Sommer 2018 ist mit dem Bürogebäude «S22» das ers­te Holz-Hybridhochhaus der Schweiz bezo­gen wor­den – ein Zehngeschosser. Doch damit nicht genug. Auf einem ande­ren Baufeld in der «Suurstoffi» ist im Herbst 2019 der neue Informatik- und Finanzcampus der Hochschule Luzern HSLU in Betrieb gegan­gen. Zwei der drei Gebäude wur­den in Holz-Hybridbauweise erstellt. Das eine, wie­der­um ein Hochhaus, ist mit 15 Geschossen und 60 Metern Bauhöhe das der­zeit höchs­te Holzgebäude der Schweiz. Der Bau hat einen pas­sen­den Namen: Er heisst «Arbo», ver­kürzt aus dem latei­ni­schen «arbor», was so viel wie «Baum» bedeu­tet.

Holz bringt Ökologie und Wirtschaftlichkeit zusammen

Die Einbindung des Holzbaus ist Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der Bauherrin Zug Estates. Diese kon­zi­piert, ent­wi­ckelt und bewirt­schaf­tet Liegenschaften in der Region Zug mit einem Gesamtwert von 1,65 Milliarden Franken per Ende 2020. Auf dem «Suurstoffii»-Areal ist nicht nur das ein­gangs erwähn­te ers­te Hybridhochhaus unter Nutzung moderns­ter Holzbautechnologie ent­stan­den, son­dern zuvor wur­den dort auch bereits neun Wohnhäuser mit 156 Wohnungen in Holz- und Holzhybridbauweise erstellt – die gröss­te Holzbausiedlung der Zentralschweiz.

Impression vom Inneren des Holz-Hybridhochhauses «Arbo» (2020)

Der Holzbau unter­stützt sowohl die öko­lo­gi­schen als auch die öko­no­mi­schen Ziele der Bauherrin. Denn Holz bin­det CO2 und ver­mei­det zugleich Treibhausgasemissionen aus der Herstellung und dem Transport ande­rer Baumaterialien. Doch für Holz spre­chen aus Sicht von Zug Estates auch hand­fes­te wirt­schaft­li­che Aspekte: Die kür­ze­re Bauzeit redu­ziert die Zinsen und führt zu frü­he­ren Mieteinnahmen. Die Vorfabrikation sorgt für höhe­re Qualität, und Holz schafft ein ange­neh­me­res Raumklima. Der hohe Detaillierungsgrad in der Planung ver­bes­sert die Kosten- und Terminsicherheit. Und aus­ser­dem ist der Holzbau BIM-taug­lich.

Vorteile beim Arbeiten mit einem «digitalen Zwilling»

Mit BIM erge­ben sich beim Bauen unschätz­ba­re Vorteile. Planerische Fehler, die frü­her erst auf der Baustelle ersicht­lich wur­den, sind heu­te schon im drei­di­men­sio­na­len Modell ersicht­lich und las­sen sich kor­ri­gie­ren. Die Planung ist damit zwar auf­wen­di­ger – die Ersparnisse durch ver­mie­de­ne Mängel, Bauunterbrüche und unvor­her­ge­se­he­ne Regiearbeiten machen den Mehraufwand aber wett. «BIM schafft Prozesssicherheit», bekräf­tigt Holzbauingenieur Thomas Rohner, Vorstandsmitglied von Bauen digi­tal Schweiz und seit 2015 Professor für Holzbau und BIM an der Berner Fachhochschule.

Sicht auf die Schmalseite des Holz-Hybridhochhauses «Arbo» im Oktober 2018 (Bauherrschaft: Zug Estates AG, Zug; Architektur: Büro Konstrukt AG, Luzern; Ma- netsch Meyer Architekten AG, Zürich; Holzbauingenieu- re/Brandschutzplaner: Pirmin Jung Ingenieure AG, Rain; Holzbau: Erne AG Holzbau, Laufenburg). Die Aufnahme zeigt in den obersten, damals noch nicht geschlossenen Geschossen, wie das Hybridgebäude aufgebaut ist: Der Kern des «Baums» ist aus Beton; Stützen und Unter- züge sowie die Holz-Beton-Verbunddecken steuert der Holzbau bei. Ummantelt wird das Gebäude von einer Glasfassade mit aussenliegenden Metallrippen.

Bilder: Michael Meuter, Zürich/Lignum

Sicht auf die Schmalseite des Holz-Hybridhochhauses «Arbo» im Oktober 2018 (Bauherrschaft: Zug Estates AG, Zug; Architektur: Büro Konstrukt AG, Luzern; Manetsch Meyer Architekten AG, Zürich; Holzbauingenieu-re/Brandschutzplaner: Pirmin Jung Ingenieure AG, Rain; Holzbau: Erne AG Holzbau, Laufenburg). Die Aufnahme zeigt in den obers­ten, damals noch nicht geschlos­se­nen Geschossen, wie das Hybridgebäude auf­ge­baut ist: Der Kern des «Baums» ist aus Beton; Stützen und Unter- züge sowie die Holz-Beton-Verbunddecken steu­ert der Holzbau bei. Ummantelt wird das Gebäude von einer Glasfassade mit aus­sen­lie­gen­den Metallrippen.

«Waren tra­di­tio­nel­le Entwurfsmethoden auf zwei­di­men­sio­na­le tech­ni­sche Zeichnungen und Schemata beschränkt, hat die 3D-Modellierung erst einen voll­stän­di­gen Prozess ermög­licht», erläu­tert Rohner. Je nach Reifegrad geht BIM noch wei­ter und bezieht die Zeit als vier­te Dimension, die Kosten als die fünf­te, die Nachhaltigkeit als sechs­te und das Facility Management als sieb­te Dimension mit ein.

Holz-Hybridhochhaus «Arbo» nach der Fertigstellung (Aufnahme 2020).

Der Holzbau, so Rohner, ver­fü­ge unter die­ser neu­en, von der Digitalisierung getrie­be­nen Arbeitsweise über meh­re­re Startvorteile. «Zum ers­ten hat er eine dreis­sig­jäh­ri­ge Erfahrung in der 3D-Modellierung, zum zwei­ten ver­fügt er über eine eben­so lan­ge Erfahrung in der Vorfertigung, und zum drit­ten weiss er, wie man Produktionsdaten im 3D-Modell imple­men­tie­ren kann.» Im Austausch der Informationen mit allen ande­ren Planenden und Ausführenden gebe es auch im Holzbau durch­aus noch Entwicklungspotential, sagt Rohner, die Produktion ab BIM-Modell habe die Bauweise jedoch im Griff.

Ausgefeilte Planung ermöglicht sportlichen Zeitplan

Davon pro­fi­tier­te der Bau des neu­en HSLU-Campus in Rotkreuz. Bis die ers­ten Studierenden dort ein- und aus­ge­hen konn­ten, muss­te ein enger Terminplan ein­ge­hal­ten wer­den. Die Baubewilligung kam im Juli 2017; der Grundstein wur­de im Februar 2018 gelegt. Im Zentrum der Planung für den neu­en Campus der HSLU stand das BIM-Modell mit Datenbank. Darin wur­den alle bau­teil­re­le­van­ten Informationen an einem Ort gesam­melt und ver­wal­tet – für etwa 40 ver­schie­de­ne betei­lig­te Firmen mit Hunderten von Beschäftigten. Aus dem Modell wur­den unter ande­rem Werkpläne, Ausschreibungsdokumente und Mengenauswertungen für die Ausführung erstellt – es gab auf der Baustelle kei­nen Prozess, der nicht modell­ba­siert ablief. Projektbeteilige wuss­ten jeder­zeit genau, wann was auf die Baustelle ange­lie­fert wur­de und wann wo wel­ches Bauteil ver­baut wur­de. Der Rückfluss von Informationen mach­te es mög­lich, dass die Datenbank auch für die Projektkontrolle ver­wen­det wer­den konn­te: Denn die Ausführung wur­de lau­fend gemes­sen und mit der Planung abge­gli­chen.

Bild: Corinne Cuendet, Clarens/Lignum

Zehngeschossiges Holz-Hybridhochhaus «S22» in Rotkreuz, fer­tig­ge­stellt 2018 (Bauherrschaft: Zug Estates AG, Zug; Architektur und Generalplanung: Burkard Meyer Architekten BSA AG, Baden; Brandschutzkonzept: Makiol Wiederkehr AG, Ingenieure Holzbau Brandschutz, Beinwil am See; Holzbauingenieure, Systementwicklung und Realisierung: Erne AG Holzbau, Laufenburg). Silber-Auszeichnung in der natio­na­len Wertung beim Prix Lignum 2018.

Just-in-time-Holzbau als Kernelement im Bauablauf

Damit der Bezug wie geplant im Herbst 2019 erfol­gen konn­te, setz­te Zug Estates auf BIM in direk­ter Verknüpfung mit Lean Construction, einer aus­ge­feil­ten Logistikplanung und Holzbau auf der Höhe der Zeit. Zuständig dafür war Erne Holzbau. Die Laufenburger Firma war bereits beim oben erwähn­ten ers­ten Holz-Hybridhochhaus «S22» auf dem «Suurstoffi»-Areal – eben­falls ein BIM-Projekt – als Systemgeber, Holzbauingenieur und Realisierungspartner in füh­ren­der Rolle betei­ligt.

Erne pro­du­zier­te alle Holzelemente im Werk aus dem drei­di­men­sio­na­len Modell. Die Anlieferung erfolg­te im Just-in-Time-Prinzip, was die Bauzeit vor Ort erheb­lich ver­kürz­te.

Pirmin Jung, Holzbauingenieur und Brandschutzplaner für «Arbo», lobt den BIM-Prozess auch in der Brandschutzplanung als hoch­ef­fi­zi­ent: Alle Eigenschaften lies­sen sich im Modell erfas­sen, wor­aus die Pläne für den Holzbau gene­riert wur­den.

Kein Zweifel: Das «Suurstoffi»-Areal wird auf Jahre hin­aus ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit des heu­ti­gen Schweizer Holzbaus sein.

Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
RELATED ARTICLES
Anzeigespot_img

Beliebteste