StartNewsBauwirtschaftDas visionärste Haus der Schweiz steht in Sursee

Das visionärste Haus der Schweiz steht in Sursee

Mit dem Haus des Holzes hat der Luzerner Unternehmer Pirmin Jung gezeigt, wie nachhaltiges Bauen funktioniert. Die hohen Kosten schrecken ihn dabei nicht ab. Im Gegenteil: Das Gebäude soll nun Schule machen.

Wer das Haus des Holzes an der Centralstrasse in Sursee betritt, taucht in eine spe­zi­el­le Welt ein. Der ers­te Eindruck erin­nert an die unge­wöhn­li­che Fusion einer Alphütte mit einem futu­ris­ti­schen Google-Büro.

Der Duft von fri­schem Holz strömt einem in die Nase. Überall, wo der Blick hin­fällt: hel­les Holz, dunk­les Holz, geschlif­fe­nes Holz, rau­es Holz, Holzböden, Holzwände, Holztische – ein­zig die Computer am Empfang sind hier aus ande­ren Materialien. 

Gleichzeitig sind die Büroräume im Haus offen gestal­tet und licht­durch­flu­tet. Vom Empfang führt eine spek­ta­ku­lä­re Wendeltreppe – natür­lich aus Holz – in einem Guss in die obe­ren Stockwerke. Es hat Telefonnischen, Rückzugsecken mit gemüt­li­chen Sesseln, die Znüni-Pause an höl­zer­nen Stehtischen in der Cafeteria gehört fest zum Tagesablauf. Kurz: Ein moder­ner Arbeitsort, an dem man sich wohl­fühlt.

Hüttenwart und Steve Jobs in einer Person

Das Haus des Holzes

Das Gebäude ist der Hauptsitz der Baufirma Pirmin Jung. Die Firma hat sich auf Ingenieurfragen im Holzbau spe­zia­li­siert und beschäf­tigt an sie­ben Standorten in der Schweiz und in Deutschland über 100 Mitarbeitende.

Das Haus des Holzes wur­de im Herbst 2022 fer­tig­ge­stellt und bezo­gen. Die unte­ren bei­den Stockwerke nutzt die Firma sel­ber. Die obe­ren Stockwerke sind im einen Gebäudeteil an Drittfirmen ver­mie­tet. Auf der ande­ren Gebäudeseite wur­den sechs Wohnungen gebaut. Zwei davon hat die Firma an die ursprüng­li­chen Eigentümer des Grundstücks ver­kauft, die ande­ren ver­mie­tet die Firma selbst. Zudem gibt es in der Gebäudemitte ein Yogastudio, das eben­falls an die ehe­ma­li­gen Eigentümer ver­kauft wur­de. 

Aufgrund der her­vor­ra­gen­den Qualität des Baus und der vor­an­ge­gan­ge­nen Planung wird das Haus bald das SNBS-Platin-Label für nach­hal­ti­ges Bauen erhal­ten. In der Schweiz gibt es der­zeit nur eine Handvoll ande­rer Gebäude mit die­sem Label.mehr anzei­gen

Wenn das Haus eine Mischung aus Alphütte und Silicon Valley ist, dann ist der Bauherr Pirmin Jung wohl ein Verschnitt aus Hüttenwart und Apple-Gründer Steve Jobs. Jung ist eine ein­neh­men­de Person, gross gewach­sen, mit kräf­ti­gem Händedruck und ein­dring­li­chem Blick, in sei­nem Auftritt bedacht und boden­stän­dig. Gleichzeitig ist er ein Visionär – und ganz sicher auch ein Idealist. Und nichts ver­kör­pert das bes­ser als der neue Hauptsitz sei­ner Firma: Das Haus des Holzes.

«Think glo­bal­ly, act local­ly», beschreibt Jung die Vision hin­ter dem Projekt. Er führt aus, dass welt­weit in den kom­men­den Jahren Millionen von Häusern und Wohnungen für die wach­sen­de Bevölkerung gebaut wer­den müs­sen – ins­be­son­de­re in den Städten. «Wenn wir all die­se Häuser aus Beton und Stahl bau­en, errei­chen wir unse­re Klimaziele nie­mals», hält Jung fest. Allein die welt­wei­te Produktion von Stahl und Beton sind für 14 Prozent der jähr­li­chen CO₂-Emissionen ver­ant­wort­lich, der Bau und Betrieb des glo­ba­len Gebäudeparks ver­ur­sacht sogar rund 40 Prozent des CO₂-Ausstosses pro Jahr.

Dank Holz als Baustoff weniger CO₂ ausstossen

«Darum war es unser Ziel, hier in Sursee auf loka­ler Ebene ein Vorzeigeprojekt für kli­ma­ge­rech­tes und kreis­lauf­fä­hi­ges Bauen zu errich­ten», so Pirmin Jung. Der Schlüssel dazu – man kann es erah­nen – liegt im Holz als Baustoff. Wo es ging, hat der gelern­te Zimmermann Holz für den Neubau ver­wen­det. Sogar das Treppenhaus und der Liftkern sind aus Holz. Einzig für das Fundament und die Tiefgarage hat es vor allem Beton gebraucht. So konn­te beim Bau bereits ein Drittel der CO₂-Emissionen ein­ge­spart wer­den, die ein ver­gleich­ba­res Gebäude aus Beton pro­du­ziert hät­te.

Pirmin Jung ist Gründer der gleich­na­mi­gen Firma und Bauherr des Haus des Holzes. (Bild: MARCOLEU GmbH)

Damit ist die Rechnung aber noch nicht gemacht. Denn Holz ist ein CO₂-Speicher. Blätter absor­bie­ren CO₂ aus der Luft und spei­chern die­ses lang­fris­tig im Holz eines Baumes. Die 1600 Kubikmeter Holz, die im Gebäude in Sursee ver­baut wur­den, spei­chern rund 1600 Tonnen CO₂. Damit pro­du­zier­te die­ser Bau rund sechs­mal weni­ger CO₂ als ein her­kömm­li­cher Massivbau. 

«Ich woll­te kei­ne Kompromisse machen. Weder bei den ein­zel­nen Komponenten noch bei der Planung.»

Pirmin Jung, Bauherr

Doch hät­ten alle die Bäume, die für die­sen Bau gefällt wur­den, die­ses CO₂ nicht auch im Wald gespei­chert, wo sie frü­her stan­den? Beansprucht das Haus des Holzes einen CO₂-Speicher, der nun andern­orts fehlt? Pirmin Jung ver­neint. «Die Bäume im Wald wach­sen nach und spei­chern wie­der neu­es CO₂.» Darum sei es wich­tig, dass die Wälder bewirt­schaf­tet und Bäume regel­mäs­sig gefällt wer­den. Jung betont: «Das Holz in die­sem Haus wur­de so ver­baut, dass es auch in 200 Jahren noch ver­wen­det wer­den kann. Im Wald hin­ge­gen ist die Lebenszeit eines Baumes beschränkt. Und wenn die­ser abstirbt, wird das gebun­de­ne CO₂ wie­der frei­ge­setzt.» 

Wände aus dem Emmental, Böden aus Sempach

Mit der Langlebigkeit der Materialien ist Jung beim zwei­ten Kernthema sei­nes Vorzeigeprojekts ange­langt: Bei der Kreislaufwirtschaft. Fast alle Teile des Hauses sind wie­der­ver­wert­bar. Mit einem ein­fa­chen Schrauber lässt sich das Haus Stück für Stück aus­ein­an­der­bau­en. «Viele Einzelteile sind ein­fach zusam­men­ge­steckt. Wie Lego», erklärt der Unternehmer.

Einzelteile wie Balken oder Wände lies­sen sich so in einem ande­ren Projekt wie­der ver­bau­en, soll­ten sie eines Tages im Haus des Holzes nicht mehr gebraucht wer­den. Zudem ist Jung bemüht, den Radius die­ser Kreislaufwirtschaft mög­lichst klein zu hal­ten. Decken und Wände sind aus Tannenholz aus dem Emmental, die Böden aus Eschenholz aus Wäldern um den Sempachersee. Insgesamt stam­men 94 Prozent des ver­wen­de­ten Holzes aus der Schweiz.

Von Aussen soll das Gebäude an einen Stapel Holzbretter erin­nern. (Bild: MARCOLEU GmbH)
Die Arbeitsräume sind offen gestal­tet. (Bild: MARCOLEU GmbH)
In einem Gebäudeteil sind sechs Wohnungen ein­ge­baut. (Bild: MARCOLEU GmbH)
Im Gebäude befin­det sich ein pri­va­tes Yogastudio, das bereits visu­ell viel Kraft aus­strahlt. (Bild: MARCOLEU GmbH)
Die Photovoltaikmodule auf dem Dach wur­den in Deutschland und nicht wie übli­cher­wei­se in China her­ge­stellt. (Bild: MARCOLEU GmbH)

Die Module für die Photovoltaikanlage sind aus Deutschland, nicht wie übli­cher­wei­se aus China. Und im Keller spei­chert eine Salz- statt eine Lithiumbatterie die Solarenergie. Das Salz dar­in kommt aus den Rheinsalinen in Pratteln und kann nach Ablauf sei­nes Lebenszyklus’ im Winter als Streusalz auf der Strasse ver­wen­det wer­den.

Visionär ist zudem auch die Art und Weise, wie das Gebäude geplant und gebaut wur­de – näm­lich ohne phy­si­sche Baupläne. Statt Pläne hiel­ten die Handwerker auf der Baustelle Tablets mit einem digi­ta­len Modell des Hauses in den Händen. Jede ein­zel­ne ver­bau­te Schraube ist in einer App hin­ter­legt. «Das macht die Planung und Ausführung ein­heit­li­cher und somit ein­fa­cher», führt Pirmin Jung aus.

Nachhaltig bauen geht ins Geld

So gut das alles klin­gen mag – es hat sei­nen Preis. Rund 35 Prozent teu­rer ist die­ses Gebäude im Vergleich zu einem Massivbau aus Beton die­ser Grösse. Auch ein kon­ven­tio­nel­ler Holzbau, auf her­kömm­li­che Art und Weise geplant, hät­te rund 30 Prozent weni­ger gekos­tet als das Haus des Holzes. Zudem haben die tat­säch­li­chen Baukosten die ursprüng­lich ver­an­schlag­ten Kosten bei Weitem über­trof­fen. 

Wie in der Mode, beim Reisen oder bei den Lebensmitteln gilt auch in der Baubranche: Nachhaltigkeit hat sei­nen Preis.

«Wir tra­gen zu einem Umdenken in der Baubranche bei.»

Pirmin Jung

Darum bezeich­net Pirmin Jung das Haus als Entwicklungs- und Forschungsprojekt, um neue Dinge und Prozesse aus­zu­pro­bie­ren: «Ich woll­te kei­ne Kompromisse machen. Weder bei den ein­zel­nen Komponenten noch bei der Planung.» Dafür sei das Projekt «glaub­wür­dig» gewor­den. Das Haus des Holzes hat eine Signalwirkung und ist mitt­ler­wei­le in Fachkreisen über die Landesgrenzen hin­aus bekannt. Sogar an der techaf­fi­nen Universität von Stanford in den USA wird das Haus als Vorzeigeobjekt für digi­ta­les Planen stu­diert. «Wir haben gezeigt, dass man anders bau­en kann, wenn man es wirk­lich will», fasst Jung zusam­men.

Und anders zu bau­en, das ist aus sei­ner Sicht drin­gend nötig, wenn wir die Klimaziele errei­chen wol­len, die wir uns gesetzt haben. Doch nicht alle Bauherren kön­nen oder wol­len sich sol­che Projekte leis­ten. Insbesondere Investoren, die in ers­ter Linie nicht idea­lis­tisch, son­dern wirt­schaft­lich pla­nen. «Alles wird man nicht so bau­en kön­nen», räumt Jung ein. «Aber ich bin über­zeugt, dass wir zum Denken anre­gen. Wir tra­gen zu einem Umdenken in der Baubranche bei.» 

Am Flughafen Zürich werden 42’000 Kubikmeter Holz verbaut

Als Beispiel zieht Pirmin Jung das geplan­te Flughafendock A am Flughafen Zürich her­bei, bei dem sein Unternehmen die Ingenieurarbeiten über­nimmt. Das rie­si­ge Dock wird eine der gröss­ten Holzbauten welt­weit und spei­chert künf­tig rund 25-mal so viel CO₂ wie das Haus des Holzes in Sursee.

Klimaneutral wird die Flugbranche damit nicht – aber immer­hin die Baubranche rückt die­sem Ziel ein klei­nes Stückchen näher.

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