Mittwoch, 17. April, 2024
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Das visionärste Haus der Schweiz steht in Sursee

Mit dem Haus des Holzes hat der Luzerner Unternehmer Pirmin Jung gezeigt, wie nachhaltiges Bauen funktioniert. Die hohen Kosten schrecken ihn dabei nicht ab. Im Gegenteil: Das Gebäude soll nun Schule machen.

Wer das Haus des Holzes an der Centralstrasse in Sursee betritt, taucht in eine spezielle Welt ein. Der erste Eindruck erinnert an die ungewöhnliche Fusion einer Alphütte mit einem futuristischen Google-Büro.

Der Duft von frischem Holz strömt einem in die Nase. Überall, wo der Blick hinfällt: helles Holz, dunkles Holz, geschliffenes Holz, raues Holz, Holzböden, Holzwände, Holztische – einzig die Computer am Empfang sind hier aus anderen Materialien. 

Gleichzeitig sind die Büroräume im Haus offen gestaltet und lichtdurchflutet. Vom Empfang führt eine spektakuläre Wendeltreppe – natürlich aus Holz – in einem Guss in die oberen Stockwerke. Es hat Telefonnischen, Rückzugsecken mit gemütlichen Sesseln, die Znüni-Pause an hölzernen Stehtischen in der Cafeteria gehört fest zum Tagesablauf. Kurz: Ein moderner Arbeitsort, an dem man sich wohlfühlt.

Hüttenwart und Steve Jobs in einer Person

Das Haus des Holzes

Das Gebäude ist der Hauptsitz der Baufirma Pirmin Jung. Die Firma hat sich auf Ingenieurfragen im Holzbau spezialisiert und beschäftigt an sieben Standorten in der Schweiz und in Deutschland über 100 Mitarbeitende.

Das Haus des Holzes wurde im Herbst 2022 fertiggestellt und bezogen. Die unteren beiden Stockwerke nutzt die Firma selber. Die oberen Stockwerke sind im einen Gebäudeteil an Drittfirmen vermietet. Auf der anderen Gebäudeseite wurden sechs Wohnungen gebaut. Zwei davon hat die Firma an die ursprünglichen Eigentümer des Grundstücks verkauft, die anderen vermietet die Firma selbst. Zudem gibt es in der Gebäudemitte ein Yogastudio, das ebenfalls an die ehemaligen Eigentümer verkauft wurde. 

Aufgrund der hervorragenden Qualität des Baus und der vorangegangenen Planung wird das Haus bald das SNBS-Platin-Label für nachhaltiges Bauen erhalten. In der Schweiz gibt es derzeit nur eine Handvoll anderer Gebäude mit diesem Label.mehr anzeigen

Wenn das Haus eine Mischung aus Alphütte und Silicon Valley ist, dann ist der Bauherr Pirmin Jung wohl ein Verschnitt aus Hüttenwart und Apple-Gründer Steve Jobs. Jung ist eine einnehmende Person, gross gewachsen, mit kräftigem Händedruck und eindringlichem Blick, in seinem Auftritt bedacht und bodenständig. Gleichzeitig ist er ein Visionär – und ganz sicher auch ein Idealist. Und nichts verkörpert das besser als der neue Hauptsitz seiner Firma: Das Haus des Holzes.

«Think globally, act locally», beschreibt Jung die Vision hinter dem Projekt. Er führt aus, dass weltweit in den kommenden Jahren Millionen von Häusern und Wohnungen für die wachsende Bevölkerung gebaut werden müssen – insbesondere in den Städten. «Wenn wir all diese Häuser aus Beton und Stahl bauen, erreichen wir unsere Klimaziele niemals», hält Jung fest. Allein die weltweite Produktion von Stahl und Beton sind für 14 Prozent der jährlichen CO₂-Emissionen verantwortlich, der Bau und Betrieb des globalen Gebäudeparks verursacht sogar rund 40 Prozent des CO₂-Ausstosses pro Jahr.

Dank Holz als Baustoff weniger CO₂ ausstossen

«Darum war es unser Ziel, hier in Sursee auf lokaler Ebene ein Vorzeigeprojekt für klimagerechtes und kreislauffähiges Bauen zu errichten», so Pirmin Jung. Der Schlüssel dazu – man kann es erahnen – liegt im Holz als Baustoff. Wo es ging, hat der gelernte Zimmermann Holz für den Neubau verwendet. Sogar das Treppenhaus und der Liftkern sind aus Holz. Einzig für das Fundament und die Tiefgarage hat es vor allem Beton gebraucht. So konnte beim Bau bereits ein Drittel der CO₂-Emissionen eingespart werden, die ein vergleichbares Gebäude aus Beton produziert hätte.

Pirmin Jung ist Gründer der gleichnamigen Firma und Bauherr des Haus des Holzes. (Bild: MARCOLEU GmbH)

Damit ist die Rechnung aber noch nicht gemacht. Denn Holz ist ein CO₂-Speicher. Blätter absorbieren CO₂ aus der Luft und speichern dieses langfristig im Holz eines Baumes. Die 1600 Kubikmeter Holz, die im Gebäude in Sursee verbaut wurden, speichern rund 1600 Tonnen CO₂. Damit produzierte dieser Bau rund sechsmal weniger CO₂ als ein herkömmlicher Massivbau. 

«Ich wollte keine Kompromisse machen. Weder bei den einzelnen Komponenten noch bei der Planung.»

Pirmin Jung, Bauherr

Doch hätten alle die Bäume, die für diesen Bau gefällt wurden, dieses CO₂ nicht auch im Wald gespeichert, wo sie früher standen? Beansprucht das Haus des Holzes einen CO₂-Speicher, der nun andernorts fehlt? Pirmin Jung verneint. «Die Bäume im Wald wachsen nach und speichern wieder neues CO₂.» Darum sei es wichtig, dass die Wälder bewirtschaftet und Bäume regelmässig gefällt werden. Jung betont: «Das Holz in diesem Haus wurde so verbaut, dass es auch in 200 Jahren noch verwendet werden kann. Im Wald hingegen ist die Lebenszeit eines Baumes beschränkt. Und wenn dieser abstirbt, wird das gebundene CO₂ wieder freigesetzt.» 

Wände aus dem Emmental, Böden aus Sempach

Mit der Langlebigkeit der Materialien ist Jung beim zweiten Kernthema seines Vorzeigeprojekts angelangt: Bei der Kreislaufwirtschaft. Fast alle Teile des Hauses sind wiederverwertbar. Mit einem einfachen Schrauber lässt sich das Haus Stück für Stück auseinanderbauen. «Viele Einzelteile sind einfach zusammengesteckt. Wie Lego», erklärt der Unternehmer.

Einzelteile wie Balken oder Wände liessen sich so in einem anderen Projekt wieder verbauen, sollten sie eines Tages im Haus des Holzes nicht mehr gebraucht werden. Zudem ist Jung bemüht, den Radius dieser Kreislaufwirtschaft möglichst klein zu halten. Decken und Wände sind aus Tannenholz aus dem Emmental, die Böden aus Eschenholz aus Wäldern um den Sempachersee. Insgesamt stammen 94 Prozent des verwendeten Holzes aus der Schweiz.

Von Aussen soll das Gebäude an einen Stapel Holzbretter erinnern. (Bild: MARCOLEU GmbH)
Die Arbeitsräume sind offen gestaltet. (Bild: MARCOLEU GmbH)
In einem Gebäudeteil sind sechs Wohnungen eingebaut. (Bild: MARCOLEU GmbH)
Im Gebäude befindet sich ein privates Yogastudio, das bereits visuell viel Kraft ausstrahlt. (Bild: MARCOLEU GmbH)
Die Photovoltaikmodule auf dem Dach wurden in Deutschland und nicht wie üblicherweise in China hergestellt. (Bild: MARCOLEU GmbH)

Die Module für die Photovoltaikanlage sind aus Deutschland, nicht wie üblicherweise aus China. Und im Keller speichert eine Salz- statt eine Lithiumbatterie die Solarenergie. Das Salz darin kommt aus den Rheinsalinen in Pratteln und kann nach Ablauf seines Lebenszyklus’ im Winter als Streusalz auf der Strasse verwendet werden.

Visionär ist zudem auch die Art und Weise, wie das Gebäude geplant und gebaut wurde – nämlich ohne physische Baupläne. Statt Pläne hielten die Handwerker auf der Baustelle Tablets mit einem digitalen Modell des Hauses in den Händen. Jede einzelne verbaute Schraube ist in einer App hinterlegt. «Das macht die Planung und Ausführung einheitlicher und somit einfacher», führt Pirmin Jung aus.

Nachhaltig bauen geht ins Geld

So gut das alles klingen mag – es hat seinen Preis. Rund 35 Prozent teurer ist dieses Gebäude im Vergleich zu einem Massivbau aus Beton dieser Grösse. Auch ein konventioneller Holzbau, auf herkömmliche Art und Weise geplant, hätte rund 30 Prozent weniger gekostet als das Haus des Holzes. Zudem haben die tatsächlichen Baukosten die ursprünglich veranschlagten Kosten bei Weitem übertroffen. 

Wie in der Mode, beim Reisen oder bei den Lebensmitteln gilt auch in der Baubranche: Nachhaltigkeit hat seinen Preis.

«Wir tragen zu einem Umdenken in der Baubranche bei.»

Pirmin Jung

Darum bezeichnet Pirmin Jung das Haus als Entwicklungs- und Forschungsprojekt, um neue Dinge und Prozesse auszuprobieren: «Ich wollte keine Kompromisse machen. Weder bei den einzelnen Komponenten noch bei der Planung.» Dafür sei das Projekt «glaubwürdig» geworden. Das Haus des Holzes hat eine Signalwirkung und ist mittlerweile in Fachkreisen über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sogar an der techaffinen Universität von Stanford in den USA wird das Haus als Vorzeigeobjekt für digitales Planen studiert. «Wir haben gezeigt, dass man anders bauen kann, wenn man es wirklich will», fasst Jung zusammen.

Und anders zu bauen, das ist aus seiner Sicht dringend nötig, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, die wir uns gesetzt haben. Doch nicht alle Bauherren können oder wollen sich solche Projekte leisten. Insbesondere Investoren, die in erster Linie nicht idealistisch, sondern wirtschaftlich planen. «Alles wird man nicht so bauen können», räumt Jung ein. «Aber ich bin überzeugt, dass wir zum Denken anregen. Wir tragen zu einem Umdenken in der Baubranche bei.» 

Am Flughafen Zürich werden 42’000 Kubikmeter Holz verbaut

Als Beispiel zieht Pirmin Jung das geplante Flughafendock A am Flughafen Zürich herbei, bei dem sein Unternehmen die Ingenieurarbeiten übernimmt. Das riesige Dock wird eine der grössten Holzbauten weltweit und speichert künftig rund 25-mal so viel CO₂ wie das Haus des Holzes in Sursee.

Klimaneutral wird die Flugbranche damit nicht – aber immerhin die Baubranche rückt diesem Ziel ein kleines Stückchen näher.

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